JR — La Caverne du Pont Neuf, Paris
An einem Morgen im Juni 2026 erwachten die Pariser und fanden ein Gebirge dort, wo zuvor eine Brücke gestanden hatte. Die Pont Neuf, die älteste Steinbrücke der Stadt, war über Nacht zu einem liegenden Felsmassiv geworden. Schroff, grau, mit der körnigen Textur von Kalkstein, der aus dem Inneren der Erde ans Licht gedrängt wird.
Wer den Tessiner Maler Felice Filippini kennt, wird einen Moment innehalten. Filippini, der 1988 starb, hatte eine obsessive Bildidee: den liegenden Leichnam so weit in die Horizontale zu verflachen, bis er mit dem Gebirgskamm verschmolz. Leichnam und Landschaft wurden bei ihm eins. Der tote Körper wurde zum Berg, das Massiv zum Körper. Es ist kein dokumentierter Bezug, den JR zu Filippini hat. Und doch trifft genau dieselbe Bildlogik die Pont Neuf im Sommer 2026: ein horizontaler Baukörper wird umgedeutet, verhüllt, transsubstantiiert, bis er als Natur gelesen wird. Das Verhüllen als Verwandlung. Bei Filippini malerisch, bei JR architektonisch und pneumatisch.
Die direkte Referenz ist selbstverständlich Christo und Jeanne-Claude, deren Pont Neuf Wrapped vor vierzig Jahren denselben Ort für zwei Herbstwochen aus dem Alltag herauslöste. JR kannte Christo persönlich und übernahm dessen Prinzip der privaten Finanzierung ohne Logopartner. Er arbeitet mit der Christo-Stiftung zusammen und nennt das Projekt ausdrücklich eine Hommage. Der Unterschied liegt im Ansatz. Wo Christo die Brücke einschnürte und ihre Form betonte, golden und seidig im Licht, gräbt JR unter sie hinab. Inspiriert von den Lutetia-Kalksteinbrüchen, aus denen die Pont Neuf und weite Teile des historischen Paris gebaut wurden, imaginiert er die Brücke als geologischen Ursprung der Stadt selbst: als Höhle, als Grotte, als den Untergrund, der nach oben geholt wird.
Das Ergebnis ist JRs erstes dreidimensionales Großprojekt. Man spürt die Lernkurve. Die Konstruktion ist rund 120 Meter lang und aus bedrucktem Textilgewebe aufgeblasen, gefertigt von einem Spezialisten für pneumatische Strukturen in der Bretagne. In der Nahansicht zeigt sie, wo Fotodruck an seine Grenzen stößt. Der Stoff wölbt sich, schimmert synthetisch, die Illusion des Mineralischen kippt gelegentlich ins Dekorative. Christos Materialien hatten nach einem Jahrzehnt technischer Planung eine haptische Überzeugungskraft, die bei JR noch aussteht. Starker Hagel und Wind beschädigten die Konstruktion kurz vor der Eröffnung. Eine Anfälligkeit, die Christo durch serienreife Materialforschung zu minimieren gewusst hatte.
Was dennoch trägt, ist das Innere. Den Tunnel zu begehen ist ein echtes sensorisches Abenteuer. Thomas Bangalter, ehemals Daft Punk, schuf eine elektroakustische Klangwelt, die den Raum mineralisiert ohne ihn zu illustrieren. Erstmals in JRs Praxis kommt Geruch hinzu, entwickelt mit einer Parfümeurin, die geologischen Ursprüngen und der Erde selbst nachspürte. Augmented Reality legt eine weitere Wahrnehmungsschicht über das Ganze. Drei Sinne gleichzeitig. Das ist konsequent gedacht und zeigt, wohin immersive Stadtkunst sich entwickeln kann: weg vom reinen Bilderlebnis, hin zu einem körperlichen Durchqueren von Bedeutung.
Parallel dazu zeigt die Galerie Perrotin im Marais unter dem Titel Les Esquisses de la Caverne Zeichnungen, Collagen und Vorstudien. Ein selten offenherziger Blick in den Entstehungsprozess, der das Spektakel auf der Brücke um die Stille des Ateliers ergänzt. Unmittelbar gegenüber dem Brückenausgang, in der La Samaritaine, ist der Merchandising-Apparat vollständig aufgefahren: Lithografien, Editionen, Kleidung, Postkarten, eine Sonderbriefmarke mit La Poste, ein Fotomat am Flughafen Charles de Gaulle. JR weiß, wie man aus einem Kunstprojekt ein Stadtgespräch macht. Und wie man dieses Gespräch vermarktet.
Das ändert nichts am Kern. La Caverne du Pont Neuf ist, bei aller Ambivalenz gegenüber dem Stoff, ein wichtiges Werk. Es zeigt, wie wir Städte überformen, neu erzählen, ihren Untergrund an die Oberfläche bringen können. Und es stellt, unfreiwillig und umso schöner, eine Verbindung her, die kein Katalog vermerkt: zum liegenden Massiv eines Tessiner Malers, der wusste, dass Körper und Landschaft am Ende dasselbe sind.
Wer nach dem Besuch bei Perrotin noch einen Moment in der Rue de Turenne verweilen möchte, dem sei das Comptoir Turenne (70 Rue de Turenne, 75003 Paris) empfohlen. Das Lokal liegt praktisch Tür an Tür mit der Galerie und bietet genau das, was man nach einem langen Kunstvormittag braucht: eine gediegene, unkomplizierte französische Küche, ein ruhiges Interieur. Ein guter Ort, um den Eindruck der Caverne sacken zu lassen.
Ort: Pont Neuf, Paris 1er / Galerie Perrotin, 76 rue de Turenne, Paris 3e
Termin: La Caverne bis 28. Juni 2026 — Les Esquisses de la Caverne bis 25. Juli 2026
Link: lacavernedupontneuf.net, https://www.perrotin.com/en








