Q2/26 - Näher als gedacht - Kunst setzt Impulse

Die Welt wird unübersichtlicher. In Zeiten geopolitischer Verwerfungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und einer allgemeinen Erschöpfung durch Komplexität rückt der Alpenraum wieder ins Bewusstsein — nicht als Rückzugsort im nostalgischen Sinne, sondern als Raum, der eigene Antworten formuliert. Abseits der großen Kunstzentren entstehen Orte, die überraschen: Galerien in Vorarlberger Rheintalgemeinden, Residencies an Bergflüssen, Ausstellungen in umgenutzten Strukturen, die das Verhältnis von Landschaft, Material und zeitgenössischer Kunst neu verhandeln.

ArtAlpsReview schaut im zweiten Quartal 2026 genauer hin — auf das Bekannte und auf das, was sich gerade erst zeigt.

Holzhütte auf einem schneebedeckten Berg mit panoramic Fenster und gemütlicher Innenausstattung.

Galerie Brugger, Klaus Ein neuer Kunstort im Bodenseeraum

Klaus liegt im Vorarlberger Rheintal, zwischen Feldkirch und dem Bodenseeraum, und war bisher kein Name, den man mit zeitgenössischer Galeriekultur verbunden hätte. Das hat sich geändert. Seit Anfang 2026 betreiben Simeon und Zeynep Brugger an der Erlenstraße 11a eine Galerie, die sie als Architekten selbst entworfen haben — und in der sie auch wohnen. Das klingt nach einer persönlichen Geste, ist aber vor allem ein konzeptuelles Statement: Kunst, Leben und Architektur sollen hier nicht getrennt werden.

Das Gebäude gibt sofort zu verstehen, dass hier jemand mit Haltung gebaut hat. Der zweigeschossige Neubau kombiniert einen rau verputzten Erdgeschosskörper mit einem auskragenden Obergeschosskubus, dessen transluzente Metallfassade ein großformatiges Baummotiv trägt — ein Bild, das zwischen Architekturdetail und Kunstwerk steht. Die Verglasung im Erdgeschoss öffnet den Blick direkt in den Ausstellungsraum; der Vorplatz lässt Raum für temporäre Außenpräsentationen.

Innen überrascht die Präzision. Der Hauptraum ist hoch, weiß und klar proportioniert; ein Raster linearer LED-Leuchten strukturiert die Decke ohne Aufdringlichkeit. Der Boden aus hellgrauem Terrazzo reflektiert das Licht weich und gibt dem Raum eine stille Qualität, die Arbeiten Raum lässt, ohne sie zu erdrücken. Es ist kein neutraler White Cube im üblichen Sinne — die architektonische Handschrift ist spürbar, aber zurückhaltend genug, um Kunst verschiedenster Medien und Maßstäbe zu tragen.

Das Programm ist von Beginn an international ausgerichtet: Oliver Laric, Billie Clarken, Peles Duo, Hubert Schmalix, Heimo Zobernig — Namen, die man eher aus Wien, Berlin oder Brüssel kennt. Dass die Bruggers diese Positionen ins Rheintal holen, ist keine kuratorische Exzentrizität, sondern eine klare Positionierung — und ein Gewinn für eine Region, die in der Galerielandschaft bisher unter ihren Möglichkeiten geblieben ist.

Ort: Galerie Brugger, Erlenstraße 11a, 6833 Klaus, Vorarlberg, Österreich
Öffnungszeiten: Do–Fr 11–17 Uhr, Sa 11–14 Uhr, sowie nach Vereinbarung
Link: galeriebrugger.com

Kunstraum aus  - Kirchenraum in dem ein Gerüst aufgebaut ist

Licht aus in FeldkirchDer Kunstraum Johanniterkirche schließt

Die Stadt Feldkirch streicht die administrative Unterstützung für den Verein, der den Kunstraum Johanniterkirche betreibt — und der Verein sieht unter diesen veränderten Bedingungen keine Zukunft mehr. Was Ende März 2026 bekannt wurde, ist mehr als eine nüchterne Verwaltungsentscheidung: Es ist das Ende eines der ungewöhnlichsten Ausstellungsorte im Alpenraum.

Seit 1995 diente die gotische Feldkircher Johanniterkirche als Ausstellungszentrum für zeitgenössische Kunst — mit dem erklärten Ziel, jährlich vier Ausstellungen zu zeigen, zwei mit einheimischen, zwei mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Was diesen Ort von jedem White Cube unterschied, war die physische Eigenart des Raumes: Der Boden der Kirche war seit archäologischen Grabungen zwischen 1983 und 1986 geöffnet und nie wieder geschlossen worden — sechs Bodenniveaus und 25 Grabstätten liegen frei. 

Es war der Schauspieler und Theatermacher Dietmar Nigsch, der die Kirche 1995 erstmals als Kulturort entdeckte, und die Kuratorin Eva Jakob, die sich von der Einzigartigkeit der Location anstecken ließ und den damaligen Diözesanbischof Klaus Küng überzeugte, die Johanniterkirche für Kunstausstellungen zu öffnen. 

Was folgte, war eine dreißigjährige Erfolgsgeschichte. Unter Jakobs Kuratorschaft gelang es, neben Vorarlberger Kunstschaffenden auch Größen der internationalen Kunstszene nach Feldkirch zu bringen — Jenny Holzer, Anish Kapoor, Michael Craig Martin. Ab 2011 übernahm der Feldkircher Künstler und Designer Arno Egger die Programmverantwortung. 

Der Kunstraum war nie ein bequemer Ort. Der Raum ist kalt, feucht, unwirtlich — Bedingungen, die Künstler wie Uwe Jäntsch, der dort 2025 sein monumentales Tafelbild „Das Jüngste Gericht" schuf, wochenlang auf provisorischem Gerüst ohne Heizung arbeiteten. 

Noch im Oktober 2024 schien die Zukunft gesichert: Der Vertrag zwischen Kunstverein und Kirche war nach Diskussionen um eine alternative Nutzung als Event-Location verlängert worden — Bischof Benno Elbs hatte sich klar für die Verbindung von Kunst und Religion ausgesprochen. Weniger als anderthalb Jahre später droht nun das endgültige Aus.

Der Grund ist profan, wie so oft: Die Stadt Feldkirch streicht die administrative Unterstützung, der Verein sieht unter diesen Bedingungen keine Zukunft mehr. Dass ein Ort, der drei Jahrzehnte lang internationale Strahlkraft erzeugte und den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und sakralem Erbe mit einer Konsequenz betrieb, die kaum ein vergleichbarer Raum im Alpenraum erreichte, am Ende an Verwaltungsfragen scheitert, ist bitter — und symptomatisch für die gegenwärtig angespannte Finanzlage vieler Gemeinden in Österreich.

Ort: Kunstraum Johanniterkirche, Marktgasse 1, 6800 Feldkirch, Vorarlberg, Österreich  
Link: johanniterkirche.at

 

 

Kunstraum aus  - Kirchenraum in dem ein Gerüst aufgebaut ist

Anselm KieferDie Alchemistinnen im Palazzo Reale

Nur wenige Künstler sind in der Lage, große Räume so zu bespielen, dass ein echter Dialog entsteht – zwischen Werk und Architektur, zwischen Gegenwart und tiefem historischen Gedächtnis. Anselm Kiefer gehört zweifellos dazu. Zuletzt hatte er das mit seiner Ausstellung im Palazzo Ducale in Venedig 2022 eindrücklich bewiesen. Nun also Mailand, und Kiefer überrascht erneut.

Le Alchimiste entstand aus einer langen Beschäftigung mit dem Ort selbst. Nach einem ersten Besuch der Sala delle Cariatidi zog Kiefer eine Parallele, die das ganze Projekt trägt: Die durch die Bombentreffer von 1943 verstümmelten Karyatiden und die von der Geschichtsschreibung verstümmelten Alchemistinnen – zwei Formen des gewaltsamen Vergessens, die im Raum nun zusammendenken. Diese konzeptuelle Stimmigkeit ist selten.

42 großformatige Leinwände bevölkern den Saal als Prozession von Frauen, die sich als Paravent durch den Raum ziehen – enthüllend und verbergend zugleich. Kiefer hatte die Sala in seinem Studio in Frankreich originalgetreu nachgebaut, um diesen Raumeffekt präzise zu kalkulieren. Das Ergebnis ist eine Installation, die den Körper des Besuchers einbezieht: Man wandert zwischen den Tafeln, sucht Verbindungen, entdeckt Details.

Die dargestellten Frauen bilden ein Pantheon des Vergessens. Caterina Sforza, Wissenschaftlerin und Condottiera mit einem überlieferten Manuskript von über 450 alchemistischen Rezepten. Isabella Cortese, Autorin eines der bekanntesten Geheimnisbücher der Renaissance. Kleopatra als eine der wenigen Frauen, denen griechische Quellen alchemistische Autorschaft zuschreiben. Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert Metaphysik, Dichtung und Naturwissenschaft verflocht. Mary Anne Atwood, Schlüsselfigur einer spirituellen Alchimie-Rezeption im viktorianischen England. Jede Leinwand ist ein Akt der Wiederherstellung – einer Biografie, einer Präsenz, eines Namens.

Kiefers Malerei macht sichtbar, was vergraben war: Körper und Gesichter tauchen aus schwerem Material auf – Blei, Schwefel, aufgetragene Erde, Farbe. Das Thema der Verwandlung, Kernbegriff der Alchemie, findet sich so in der Malerei selbst wieder. Poetisch und kraftvoll, unbedingt sehenswert.

Ort: Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi, Mailand, IT
Laufzeit: bis 27.9.2026
Link: palazzorealemilano.it

// report: chris
    tags: Malerei, Installation, 
    Zeitgenössische Kunst, Feminismus, 
    Alchemie, Erinnerungskultur
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Kunstraum aus  - Kirchenraum in dem ein Gerüst aufgebaut ist

Sergio Lombardo bei unosunove – miart 2026, Mailand

Zur 30. Ausgabe der miart, erstmals in der South Wing des Allianz MiCo und unter dem Motto New Directions, war einer der eindrücklichsten Stände jener der römischen Galerie 1/9unosunove – mit Werken von Sergio Lombardo.

Lombardo, 1939 in Rom geboren, gehört zu den großen Einzelgängern der italienischen Nachkriegskunst. Früh Teil der Scuola di Piazza del Popolo, entwickelte er bereits in den 1960er Jahren mit den Gesti Tipici – überlebensgroßen Silhouetten von Politikern – eine radikal unpersönliche Bildsprache, die Wahrnehmung als psychologischen Vorgang begreift. Seit den frühen 1980er Jahren arbeitet er an seiner Pittura Stocastica: Bilder, die nicht durch künstlerische Entscheidung entstehen, sondern durch mathematische Zufallsalgorithmen – Systeme wie SAT, TAN oder RAN, die Formen generieren, die keiner bekannten Logik folgen. Nonsense shapes, nennt sie Lombardo selbst. Und doch: Das Auge sucht sofort Bedeutung, projiziert Gesichter, Strukturen, Landschaften. Das ist kein Fehler, sondern das Ziel.

Die Werke im Stand von unosunove zeigten diese Spannung mit großer Klarheit. Großformatige Leinwände mit satten, leuchtenden Farbflächen standen neben strengeren schwarz-weißen Quilting-Arbeiten – Kompositionen aus algorithmisch erzeugten Kacheln, die an Patchwork erinnern und dennoch eine eigentümliche malerische Dichte entwickeln. Der Künstler selbst bezeichnet seinen Ansatz als Eventualismus: Der Betrachter soll möglichst viele verschiedene Interpretationen entwickeln – nicht eine richtige, sondern viele mögliche. Malerei als offenes Experiment, nicht als Aussage.

In einer Messe, die mit dem Gestus der Erneuerung auftrat, wirkte dieser Stand wie eine stille Korrektur: Lombardo forscht seit Jahrzehnten an Fragen, die heute unter dem Stichwort generative Kunst neu verhandelt werden – und tut das mit einer Präzision und Konsequenz, die kaum übertroffen wird.

Ort: miart 2026, Allianz MiCo South Wing, Mailand, IT
Link: miart.it

// report: chris
// tags: Malerei, Konzeptkunst, Generative Kunst, Avantgarde, Algorithmus
// image rights: artalpsreview

Kunstraum aus  - Kirchenraum in dem ein Gerüst aufgebaut ist

(R)Evolution im Konzerthaus Ravensburg

Das Stück von Yael Ronen und Dimitrij Schaad, inspiriert von Yuval Noah Harari, war gestern Abend im Konzerthaus Ravensburg zu sehen – als Gastspiel des Metropoltheater München, inszeniert von Jochen Schölch.

Eine Szene bleibt haften: Eine junge Frau kehrt in ihre alte Wohnung zurück, in der nun niederländische Klimaflüchtlinge leben – das Land ist längst überschwemmt. Dann klingelt das Telefon. Der Ex-Freund. Er wirbt um sie, findet die richtigen Worte, sagt genau das, was sie sich immer gewünscht hat. Bis sich herausstellt: Der Anruf ist gefälscht – ausgelöst von einem früheren Wunsch, den sie der allgegenwärtigen KI anvertraut hatte. Als er ihr die Liebe gestehen will, bricht die Verbindung ab. Weiterhören kostet. Abo oder nicht – das ist hier die eigentliche Frage. Ronen und Schaad treffen damit etwas Wesentliches: Nicht die große technologische Dystopie ist das Beunruhigende, sondern die kleinen Kapitulationen, die wir längst selbst vollzogen haben.

Das Stück knüpft lose an Gedanken aus dem Buch Homo Deus von Yuval Noah Harari an und entwirft eine nahe Zukunft, in der Künstliche Intelligenz nicht nur Entscheidungen optimiert, sondern zunehmend intime menschliche Bedürfnisse übernimmt und steuert.

Marc-Philipp Kochendörfer, Isabel Kott, Ina Meling, Hubert Schedlbauer, Jakob Tögel und Judith Toth spielen das mit bemerkenswerter Leichtigkeit – ohne je ins Kabarettistische zu kippen. Toth verleiht der KI Alecto eine fast freundliche Präsenz, die umso unheimlicher wirkt, je mehr sie weiß. Das Bühnenbild (Thomas Flachs) – eine rollbare Spiegelwand, die mal als Wand, mal als Horizont dient – verstärkt das Grundgefühl des Abends: Nichts bleibt verborgen, alles wird reflektiert, auch das Publikum selbst. Schölch vertraut der Vorlage und hält die Inszenierung bewusst schlank. Das funktioniert – gelegentlich waren die Reibung und die Zuspitzungen des Ensembles zu stark, für den packenden Text.

Was bleibt, ist das bedrückende Gefühl, keine Fiktion gesehen zu haben – und die Frage, ob es Lebensbereiche gibt, in die wir uns noch als Menschen zurückziehen können. Das Stück lässt sie offen. Klug.

Ort: Konzerthaus Ravensburg, Deutschland
Termin (Ravensburg): 29. April 2026
Link: konzerthaus-ravensburg.de

// report: ceha
   tags: Theater, Gastspiel, KI, Digitalisierung,
   Science-Fiction, Gegenwartstheater
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Q1/26 - Stoff, Raum, Haltung – ein Quartal in Positionen

Der Alpenraum ist kein Hintergrund – er ist Mittel, Material und Bedingung. Das erste Quartal 2026 entfaltet eine breite Palette künstlerischer Positionen, die sich git in hemenfeldern bündeln lassen.

Material und Transformation. Wenn Michael Hirschbichler in Feldkirch Sand aus dem archäologischen Kirchenboden der Johanniterkirche zu Glas schmilzt, wird Geschichte physisch greifbar und gleichzeitig transparent. Die Albertina denkt in Faszination Papier ähnlich radikal: Papier nicht als Träger, sondern als eigenständiges Medium mit haptischen, räumlichen und skulpturalen Qualitäten – von Rembrandt bis Kiefer, von der Zeichnung bis zum raumgreifenden Objekt.

Raum und Wahrnehmung. Koo Jeong A macht im Kunsthaus Bregenz spürbar, was sich dem Auge entzieht: magnetische Kräfte, phosphoreszierende Formen, ein ganzer Raum nur für Geruch. Auf dem Pilatus schafft Annabelle Schneider mit Licht, Klang und Arvenduft einen meditativen Gegenentwurf zur Bergwelt draußen. Und Anton Kehrer erkundet im Bildraum Bodensee mit seinem analogen Lichtzyklus jene Übergangszonen, in denen Fotografie, Malerei und Lichtkunst ineinanderfließen.

System und Haltung. Richard Paul Lohse zeigt im Haus Konstruktiv Zürich, dass Farbe ein ethisches System sein kann – demokratisch, regelbasiert, ohne Hierarchie. Carl Cheng im Museum Tinguely Basel denkt noch weiter: Seine Erosionsmaschinen und Sandgärten verbinden kybernetische Logik mit ökologischem Denken, jahrzehntelang vor dem großen Diskurs. Die Albertina wiederum stellt mit Care Matters eine der politisch mutigsten Schauen der Saison vor – Sorgearbeit als strukturelles Thema, sichtbar gemacht durch fünf Jahrzehnte feministische Kunst.

Ort und Gemeinschaft. Im Bregenzerwald trifft zeitgenössische Kunst auf lebendiges Handwerk – die Holzwerkstatt Faißt in Hittisau ist kein neutraler White Cube, sondern ein Ort, der nach Spänen riecht und Kunst organisch aufnimmt. In Hohenems bekommt Literatur endlich ein eigenes Haus, sensibel eingebettet in eine Gründerzeitvilla. 

 

Holzhütte auf einem schneebedeckten Berg mit panoramic Fenster und gemütlicher Innenausstattung.

Sammlung Bauarchiv - Constructive Alps

Auch wenn das Projekt seit 2022 nicht mehr weitergeführt wurde, bleibt es ein Meilenstein – und genau deshalb berichten wir bei Art Alps Review darüber.

Im Alpenraum entstehen kontinuierlich Bauwerke, die Architektur, Landschaft und Verantwortung miteinander verweben. Die Plattform Constructive Alps versammelt auf ihrer Projektseite ein kuratiertes Archiv solcher nachhaltigen Bauten. Dort wird sichtbar, wie lebendig die Baukultur in den Alpen ist – ein inspirierendes Vorbild für Art Alps Review, wo wir Architektur als kulturellen Herzschlag dieser Region zeigen wollen.

Über hundert Projekte aus allen Alpenländern bilden ein Repositorium vorbildlicher Architektur. Es geht dabei weniger um ikonische Entwürfe als um kluge Antworten auf reale Bedürfnisse: Kindergärten, Berggasthäuser, Wohnbauten oder Sanierungen, die Tradition respektieren und gleichzeitig klimaverträglich neu denken.

Nachhaltigkeit als Haltung

Bei Constructive Alps steht nicht die Form im Mittelpunkt, sondern die Haltung: ökologische Effizienz, sozialer Mehrwert, lokale Materialien, die in einen zeitgemäßen technischen Kontext gesetzt werden. Jedes Projekt erzählt vom Dialog zwischen Landschaft, Dorfstrukturen und menschlichen Bedürfnissen.

Vom Shelter zum Verwaltungsbau

Ein filigraner Shelter in Slowenien oder ein Verwaltungsbau im Montafon sind nur zwei Beispiele, wie alltägliche Bauaufgaben zu alpiner Baukunst heranwachsen können. Es sind Bauten, die sich mit Ort, Material und Ressourcen auseinandersetzen – und dadurch eine unerwartete Kraft entfalten.

Für Art Alps Review zeigt diese Sammlung, wie Architektur und Kunst in den Alpen verschmelzen können: etwa im 3D-Turm von Mulegns oder im Klanghaus Toggenburg, die Tradition neu interpretieren und kulturelle Räume erweitern.

Constructive Alps bleibt eine wichtige Referenz – eine Sammlung von Bauwerken, die den Puls der Alpen spürbar machen.

Ort: Alpenraum-weit, Online-Plattform
Laufzeit: permanent
Link: Constructive Alps – Projekte

// report: chris
    tags: Architektur,
    Nachhaltigkeit,
    Alpenraum, 
    Constructive Alps, Baukultur
    image rights:
    artalpsreview 
   (AI generiert)
 

Zwei grüne Kunstwerke: ein Quadrat links und ein großes Rechteck rechts.

Anton Kehrer - a different kind of horizon

Mit a different kind of horizon präsentiert der Bildraum Bodensee eine pointierte Einzelausstellung von Anton Kehrer, dessen Arbeiten die Grenzen zwischen Fotografie, Malerei, Grafik und Lichtkunst bewusst verwischen. 

Sein Werk entwickelt aus diesen Medien keine bloßen Überschneidungen, sondern eigene Wahrnehmungsmuster: Räume aus Licht, Farbe und Material, die sich weniger als Bilder denn als atmosphärische Situationen erfahren lassen. In der klaren, oft reduzierten Sprache entsteht  Resonanzraum, in dem Kehrers Sensibilität für Schichtung, Übergang und optische Verdichtung deutlich wird.

Zentrum der Ausstellung im Bildraum Bodensee ist Kehrers seit 1995 kontinuierlich erweiterter analoger Fotozyklus lightflow. Diese groß-formatigen Tableaus greifen Licht nicht als Illumination, sondern als strukturgebenden Baustoff auf. Das Ergebnis sind visuelle Konstruktionen, die mit fotografischer Präzision Ruheräume entstehen lassen.  Diese reduzierten, beinahe architekturhaftem Bilder, lassen etwa bei den Lichtquellen aus dem urbanen Raum nur mehr erahnen woher sie stammen.  

Die Nähe zur konstruktiven Sachlichkeit der modernen Alpenarchitektur ist dabei kein Zufall, sondern Ausdruck eines gemeinsamen Denkens in klaren Linien, räumlichen Schnitten und funktionaler Eleganz.

Die im Atelier des Künstlers entstandenen Arbeiten führen diese Untersuchung weiter: Kehrer schichtet etwa transparente Farbplatten auf einem Leuchttisch, verschiebt Ebenen, moduliert Übergänge und erzeugt so eine Art archaisch-analoge „Lichtsyntax“. Diese Technik, strikt handwerklich und ohne digitale Eingriffe, erzeugt Bilder, die zwischen Grafik und Lichtkörper schweben. 

Der Titel a different kind of horizon greift diese Vorgänge auf: Er verweist auf den realen Bodenseehorizont ebenso wie auf Kehrers konzeptuelles Arbeiten an Lichtgrenzen, Übergangszonen und optischen Schnittstellen. Diese Horizonte sind weniger Fixpunkte als Bewegungsfelder, die Kehrer immer wieder inspiriert.

Ort: Bildraum Bodensee, Bregenz, AT
Laufzeit: bis 21.1.26
Link: Bildraum Bodensee
Map: artalps places

// report: pedro
     tags: Architektur, Licht,
     Schichtungen, 
     image rights: Petra Rainer 

 
 

Heike Schaefer, Nexus – Beschriftung an einer Wand.

Faszination Papier Rembrandt bis Kiefer

Mit der Ausstellung „Faszination Papier" stellt die Albertina ein Material ins Zentrum, das die Kunstgeschichte geprägt hat, aber meist im Hintergrund bleibt. Papier erscheint hier nicht nur als Grundlage für Zeichnung und Druckgrafik, sondern als eigenständiges Medium mit eigenen formalen, haptischen und räumlichen Qualitäten. Gezeigt werden mehr als hundert Arbeiten aus mehreren Jahrhunderten – von der präzisen Linie bis zur körperhaften Verdichtung, von der flachen Bildfläche bis zum skulpturalen Objekt. Schnitte, Faltungen, Überlagerungen, Prägungen und Gebrauchsspuren sind dabei nicht bloß Nebenprodukte, sondern wesentliche Bestandteile der Werke.

Zwei herausragende Beispiele: Birgit Knoechls raumgreifende Skulptur Out of Control_Revisited. The Autonomy of Growth führt vor, wie sich das fragile Material durch Schneiden, Schichten und Montieren von der Fläche löst und als eigenständiger Raumkörper aus der Wand wuchert. In unmittelbarer Nachbarschaft setzt Angela Glajcars schwebende Terforation einen anderen Akzent: Das zerrissene Papier verwandelt sich in ein schwebendes Volumen, das zwischen Zeichnung und Skulptur changiert und physische Leichtigkeit ebenso betont wie Verletzbarkeit.

Einen ganz anderen Aggregatzustand des Materials zeigt das monumentale japanische Leporello aus den 1850er/60er Jahren der Edo-Zeit: 34 Triptychen von Meistern wie Utagawa Kunisada, Hiroshige und Yoshitoshi erzählen die Geschichte vom Prinzen Genji in farbprächtigen Holzschnitten und entfalten sich in einer eigens eingerichteten Vitrine auf über 25 Metern Länge im Raum – Papier hier nicht als Objekt, sondern als endloser Erzählraum.

Mit „Faszination Papier" realisiert der neue Direktor Ralph Gleis ein programmatisches Ausstellungsprojekt: Die historische Sammlung wird konsequent aus heutiger Perspektive gelesen und mit zeitgenössischen künstlerischen Fragestellungen verknüpft. Begleitend erscheint ein gestalterisch aufwendiger Katalog, an dem der Vorarlberger Grafikdesigner Kurt Dornig mitgewirkt hat

Ort: Albertina, Wien, AT
Laufzeit: bis 22. März 2026
link: Albertina
Map: artalps places

// report: pedro
     tags: Papier, Druck,
     Grafik, Skultur,
     Werkstoff Albertina, 
     image rights:
     unsplashed

 

 

 

Mehrere durchsichtige Teekannen in einem geometrischen Muster angeordnet.

Körper – Raum – Volumen  

Der Kunstraum Engländerbau zeigt, was sonst verborgen bleibt: Werke aus der Fördersammlung der Kulturstiftung Liechtenstein, die ihren Alltag in Botschaften und Amtsstuben oder im Lager verbringen.

Über 1000 Werke umfasst die Fördersammlung, die das Land Liechtenstein seit 1964 aufbaut — als Dokumentation des zeitgenössischen Kunstschaffens im Fürstentum. Nun macht sie Station im Öffentlichen. 

Unter dem Leitmotiv Körper – Raum – Volumen rücken gut 70 Arbeiten von über 30 Künstlerinnen und Künstlern in den Ausstellungsraum, der mit seinen rund 300 Quadratmetern selbst körperlich erfahrbar wird: klar gegliedert, nüchtern im Material, ohne dekorativen Überschuss.

Im Mittelpunkt steht die Skulptur, flankiert von Zeichnung, Druckgrafik, Collage, Installation, Film, Fotografie und Tapisserie. 

Was auf den ersten Blick wie eine Inventarschau wirkt, entpuppt sich als konzentrierter Querschnitt durch Jahrzehnte liechtensteiner Kunstgeschichte — von formaler Strenge bis zu raumgreifenden Installationen, von materialbetontem Handwerk bis zu konzeptueller Reflexion. Die Bandbreite ist beeindruckend, der Raum hält sie gut zusammen.

Der Engländerbau — 1933/34 in Stahlskelettkonstruktion errichtet, seit 2002 als Kunstraum bespielt — gibt dieser Schau den richtigen Rahmen: Ein Haus, das selbst Körper ist, das Volumen kennt und dem der Begriff Raum nicht fremd ist. Derzeit eher von innen gut sichtbar, denn außen wird das Dach saniert.

Kuratorin Doris Bühler und Kurator Elmar Gangl haben bereits die Vorgängerpräsentation Linie – Strich – Struktur verantwortet und setzen hier ihre Erkundung der Sammlung konsequent fort — diesmal in die dritte Dimension.

Ort: Kunstraum Engländerbau, Städtle 37, Vaduz, Liechtenstein
Laufzeit: bis 8.3.2026
Link: Kunstraum
Map: artalps places

// report: pedro
    tags: Skulptur, Sammlung,
    Zeitgenössische Kunst, 
    Liechtenstein,Fördersammlung,
    Installation
    image rights: Kunstraum 
    Engländerbau​​​​​​​​​​​​​​​​


 

Heike Schaefer, Nexus – Beschriftung an einer Wand.

Nexus in der Holzwerkstatt Faißt – Kunst im Handwerksraum

Zeitgenössische Kunst trifft auf lebendiges Handwerk: Die Holzwerkstatt Markus Faißt in Hittisau zeigt mit „Nexus" eine Ausstellung, die den Dialog zwischen Material, Fertigung und künstlerischer Position auslotet.

Die Werkstatt selbst ist bereits Programm. Hier entstehen hochwertige Holzobjekte, hier riecht es nach Spänen und Öl, hier sind Werkbänke und Maschinen nicht Kulisse, sondern Arbeitsrealität. In diesen produktiven Raum fügt sich „Nexus" ein – nicht als Fremdkörper, sondern als organische Erweiterung.

Der Titel ist Hinweis: Nexus meint Verknüpfung, Schnittstelle, Verbindung. Die gezeigten Arbeiten reagieren auf die räumliche und handwerkliche Situation. Materialität wird hier nicht abstrakt verhandelt, sondern bleibt an den Ort gebunden. Man sieht, tastet, versteht die Prozesse.

Die Holzwerkstatt Faißt ist seit Jahren ein Ort, an dem sich Handwerk und Kunst begegnen – ohne dass diese Begegnung forciert wirkt. Das Engagement für zeitgenössische Positionen ist keine Marketingstrategie, sondern gewachsene Haltung. Die Nähe zum Werkraum Bregenzerwald spiegelt sich in der Verbindung von Gestaltung, Handwerk und Regionalität.

„Nexus" nutzt diese Konstellation. Die Ausstellung ist intim, konzentriert, fernab vom Kunstbetrieb. Wer im Februar nach Hittisau kommt, findet mehr als eine Ausstellung: eine Werkstatt in Betrieb, ein Handwerk mit Anspruch, eine künstlerische Intervention am richtigen Ort.

Keinesfalls versäumen sollte man es, das Holzreifelager aufzusuchen. Denn dort hat Heike Schaefer eine mehrteilige Installation in Szene gesetzt. Am späteren Nachmittag sorgt das zwischen den Holzbrettern einfließende Licht für eine mystische Stimmung.

Ort: Holzwerkstatt Markus Faißt, Hittisau, Bregenzerwald, Vorarlberg, Österreich
Laufzeit: im Februar 2026, Fr/Sa 15–18 Uhr
Link: Holzwerkstatt Markus Faißt 
Map: artalps places 

// report: margot
   tags: Zeitgenössische 
   Kunst, Handwerk,
   Installation, Werkraum 
   Bregenzerwald  
   image rights: 2026 
   artalpsreview

Kunstwerk aus grünen Glasfragmenten hängt in einer Kirche.

Michael Hirschbichler Johanniterkirche  – Vergläserung

Wenn der Boden einer Kirche zum Rohstoff wird, verändert sich der Blick auf den Raum grundlegend.

Die Johanniterkirche in Feldkirch ist kein gewöhnlicher Ausstellungsraum. Seit den archäologischen Grabungen der frühen 1980er Jahre ist ihr Boden offen geblieben – ein freigelegter Querschnitt durch acht Jahrhunderte Stadtgeschichte, der jeden Eingriff mit einem besonderen Gewicht versieht. Genau diese Offenheit machte die Kirche für ungewöhnliche Kunstprojekte so interessant.

Der in Hamburg lehrende Architekt und Künstler, der sich in seiner Arbeit konsequent mit den Wechselbeziehungen zwischen materiellem Raum und mythischen Ordnungen beschäftigt, hat für die Vergläserung das Naheliegendste getan und gleichzeitig das Radikalste: Er nahm gesiebten Sand aus dem Kirchenboden und verwandelte ihn in Glas. Die Transformation selbst geschah in der Glashütte Lamberts in Waldsassen, einem Ort, der selbst für das handwerkliche Verstehen von Glas steht.

Statt makelloser Glasobjekte entstanden unregelmäßige, instabile, teils fragmentarische Körper. Spuren des Herstellungsprozesses bleiben sichtbar und werden Teil des künstlerischen Ausdrucks. Einzelne Tropfen formen eine Traube, die als hängende Skulptur über der Ausgrabungsstätte schwebt. Tief im Raum positioniert, fast auf Augenhöhe, wirkt die Skulptur nicht wie etwas Ausgestelltes, sondern wie etwas Herausgebildetes – als hätte der Boden selbst diese Form nach oben abgegeben.

Was zuvor Boden war, wird nun transparent, lichtdurchlässig und fragil. Glas hat in Sakralräumen eine lange Geschichte als Träger von Licht und Erzählung. Hirschbichler zeigt es als Transformationsmedium – und macht damit sichtbar, was unter unseren Füßen längst vorhanden war.

Ort: Johanniterkirche, Feldkirch, Vorarlberg, Österreich
Laufzeit: bis 25. April 2026
Link: johanniterkirche.at
Map: artalps places

// report: ceha
    tags: Skulptur, Glaskunst, Sakralraum,
    Archäologie, Vorarlberg, Gegenwartskunst
    image rights: 2026
    artalpsrevie.at

 

Kunstwerk aus grünen Glasfragmenten hängt in einer Kirche.

Literaturhaus Vorarlberg, Hohenems — Villa mit zweitem Leben

Hohenems hat eine neue Adresse, die man sich merken muss. Seit April 2025 beherbergt die denkmalgeschützte Villa Franziska und Iwan Rosenthal in der Radetzkystraße das erste Literaturhaus Vorarlbergs — und der Umbau zeigt, wie sensibel Revitalisierung gelingen kann, wenn man sich dem Bestand wirklich stellt. Der romantisch-historistische Bau aus dem Jahr 1890, entworfen von den Züricher Architekten Alfred Chiodera und Theophil Tschudy, ist innen reich ausgestattet: üppige Wand- und Deckenmalereien, Glasmosaike im Treppenhaus, kleine Räume mit musealen Qualitäten, eine originale Kegelbahn. Das Renovierungsteam um Architekt Ernst Waibel hat sich dieser Substanz nicht widersetzt, sondern sie als Programm verstanden. Jeder Raum bleibt in seiner ursprünglichen Funktion lesbar — die Kutscheneinfahrt, der Gartensalon, der Dienstbotentrakt. Das Literaturhaus nestelt sich in diese Struktur hinein, statt sie zu überschreiben. Auf rund 360 m² in Parterre und Beletage entfaltet sich ein Konzept, das Literatur nicht als fertiges Produkt, sondern als Prozess begreift: Live-Lektorate, Übersetzungsworkshops, Hörstationen, partizipative Interventionen. Leiterin Frauke Kühn und ihr Team haben dabei mit bemerkenswerter Konsequenz auf Zugänglichkeit gesetzt — tagsüber freier Eintritt, kein Hochkultur-Gehabe. Das funktioniert, weil die Villa selbst einladend ist: wohnlich und repräsentativ zugleich, mit einer Atmosphäre, die eher an ein gut geführtes Privathaus erinnert als an eine Kulturinstitution.

Gleich im Haus hat sich seit Februar 2026 auch das Café Rosa & Rot eingemietet — und setzt den Ton fort. Die Schwestern Elvira Flora und Eva Motter führen das Tagescafé mit erkennbarem Konzept: feines Frühstück, kreative kleine Speisen, Gugelhupf als süßes Aushängeschild. Die Speisekarte überrascht mit Eigenem, die Bedienung ist aufmerksam ohne aufdringlich zu sein. Wer nach einem Rundgang durch die Beletage hier sitzt, merkt, dass Gastronomie und Haus aufeinander abgestimmt sind — in Ton, Tempo und Haltung. Rosa & Rot ist kein Anhängsel, sondern Verlängerung des Ortes.

Ort: Literaturhaus Vorarlberg / Café Rosa & Rot, Radetzkystraße 1, Hohenems, Vorarlberg, AT
Laufzeit: ganzjährig geöffnet
Link: literatur.ist / caferosaundrot.com
Map: artalps places

// report: ceha
    tags: Architektur,>
    Denkmalschutz,
    Literatur, 
    Revitalisierung, 
    image rights: 2026
     artalpsreview

Kunstwerk aus grünen Glasfragmenten hängt in einer Kirche.

Care Matters – Sammlung Verbund 

 

Was oft unsichtbar ist, bekommt jetzt Raum: Die Albertina zeigt in ihrer Tietze Galerie eine der politisch wichtigsten Ausstellungen der Wiener Saison.

Rund 50 Werke von 33 österreichischen und internationalen Künstlerinnen versammeln sich unter dem Titel Care Matters – kuratiert von Gabriele Schor, Gründungs-direktorin der Sammlung Verbund. Verbund Das Thema ist so alltäglich wie systematisch verdrängt: Sorge- und Pflegearbeit, die das gesellschaftliche Zusammenleben erst ermöglicht, bleibt mehrheitlich unsichtbar – und wird überwiegend von Frauen geleistet.

Der Rundgang beginnt mit dem Raum der Küche. Birgit Jürgenssen, Martha Rosler, Margaret Raspé und Karin Mack begreifen den weiblichen Körper als Symbol häuslicher Ordnung – gefangen in Macht, Gender und Ökonomie. Jüngere Positionen wie Sophie Gogl, Lena Henke oder Nicole Wermers greifen denselben Ort über Objekte und Installationen auf und verschieben die Sprache ins Gegenwärtige. news.at Wermers' Reclining Female #6 – eine Skulptur aus Gips, Pigment, Styropor und einem Hauswirtschafts-wagen – verdichtet diese Verschiebung auf entwaffnend direkte Weise: Pflege als Infrastruktur, materiell sichtbar gemacht.

Ein weiterer Raum widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Elternschaft und künstlerischer Praxis. Mental Load, Equal Care und gesellschaftliche Erwartungshaltung stehen im Mittelpunkt – mit Arbeiten von Renate Bertlmann, Annegret Soltau, Hannah Cooke und Hansel Sato. Und Frida Orupabos großformatige Collagen fragen nach den Formen von Gemeinschaft, nach Verletzlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit – gerade jetzt, in Zeiten zunehmender Krisenerfahrung, keine akademische Frage.

Die Schau ist klug gebaut: Sie verschränkt die feministische Avantgarde der 1970er-Jahre – den Aufbruch, der Care erst als politisches Thema formulierte – mit zeitgenössischen Positionen. Das ist keine nostalgische Archivschau, sondern eine Bestandsaufnahme mit Haltung. 

Care Matters ist eine der wenigen Ausstellungen, die ein strukturelles Problem benennen, ohne es in Ästhetik aufzulösen. Sie kommt zur richtigen Zeit.

Ort: Albertina, Tietze Galerie, Wien, Österreich
Laufzeit: bis 28. Juni 2026
Link: albertina.at
Map: artalps places

// report: ceha
    tags: care Arbeit, soziale     Ungleichheit,    
    feminismus
    image rights:  2026
    artalpsreview

Zwei Männer stehen auf einer Bühne, im Hintergrund das Wort „Maschek“ in einer Sprechblase.

Wir sind noch einmal davongekommen 

Thornton Wilders Krisenrevue am Burgtheater

Aussitzen, verdrängen: Stefan Bachmanns Inszenierung legt die Mechanismen der Krisenzeit frei — entlarvend präzise, mit gelegentlichen Längen.

Ein kleines Feuer in der Bühnenmitte. Es wärmt kaum, und manchmal droht es auszugehen — erst dann kommt Bewegung ins Spiel, erst dann tut man das Nötigste, um nicht zu erfrieren. Dieses Bild trägt Bachmanns Inszenierung von Thornton Wilders 1942 uraufgeführtem Stück. Die Familie Antrobus durchlebt Eiszeit, Sintflut und Krieg, kommt jedes Mal gerade noch davon — und ändert sich nicht. Die Krisen sind austauschbar, die Verhaltensmuster bleiben.

Was Bachmann dem ohnehin vielschichtigen Text hinzufügt, ist eine Metatextebene: Stefanie Reinsperger als Dienstmädchen Sabina unterbricht, kommentiert, verweigert — und legt damit offen, wie wir Krise überhaupt erst wahrnehmen. Die Medienseite, die Rahmung, das Spektakel legen sich über das Geschehen wie eine zweite Haut. Der erste Akt ist kalt und erstarrt — wenig Bewegung, viel Druck, die Energie aufgestaut hinter glänzenden Edelstahlwänden. Es ist unangenehm, und das mit Absicht.

Der Abend hat Längen — das lässt sich nicht verschweigen. Drei Stunden ist ein langer Weg durch den Weltuntergang, und nicht jede Revuenummer zündet gleich. Aber das Ensemble trägt ihn mit Bravour: Nicholas Ofczarek als herrischer Patriarch im Goldanzug, Caroline Peters als leidende, sich aufbäumende Hausfrau, Reinsperger als unberechenbares Zentrum — das sind Leistungen, die den Abend zusammenhalten, wenn die Dramaturgie ihn zu dehnen droht.

Am Ende steht keine Katharsis, sondern ein Kreislauf. Die Erleichterung nach der Krise ist nur das Vorspiel zur nächsten. Erkenntnis? Vielleicht. Weitermachen — ganz sicher. Bachmann liefert damit keine Antworten, aber eine genaue Analyse. Und die sitzt.

Das übrige Ensemble — darunter Mehmet Ateşçi als getriebener Henry und Barbara Petritsch als verschrobene Wahrsagerin — gibt den großen drei Protagonisten dabei jederzeit Kontur und Widerstand. Dass zwei Kinderdarsteller als Dino und Mammut durch das Chaos streifen, ist mehr als charmante Arabeske — es ist das älteste Bild des Stücks: Das Leben geht weiter, schon immer, trotzdem.
 

Ort: Burgtheater, Wien, Österreich
Termin: Weitere Vorstellungen bis April 2026
Link: burgtheater.at
MAP: art places

// report: ceha 
    tags: Theater, Schauspiel,
    Burgtheater, Wien, Thornton
    Wilder, Krisenrevue 
    image rights: Burgtheater

Graue, skulpturale Form mit einem geschwungenen Durchgang in der Mitte.

Koo Jeong A - Kunsthaus Bregenz

Im Kunsthaus Bregenz verwandelt Koo Jeong A Architektur in ein Feld subtiler Wahrnehmung.

Mit Koo Jeong A eröffnet das Kunsthaus Bregenz 2026 einen Dialog über Raum als Erfahrung. Die 1967 in Seoul geborene Künstlerin, die überall und nirgendwo lebt und 2024 Südkorea auf der Biennale in Venedig vertrat, richtet den Blick auf jene Phänomene, die erst durch geduldige Beobachtung sichtbar werden – oder gerade nicht sichtbar sind.

Peter Zumthors Betonarchitektur bietet dafür einen idealen Resonanzraum. Im Erdgeschoss entwickelt Koo Jeong A eine phosphoreszierende Bodenskulptur – ein aus dem Kontext gelöstes Fragment einer Skatepark-Rampe. Die geschwungene Kurve reorganisiert den Raum wie ein Möbiusband und verwandelt ihn in eine begehbare Skulptur.

In den oberen Geschossen wird es noch subtiler. Magnetische Wandobjekte schweben vor den Raumecken – metallene Paravents, die Kräfte bewusst machen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben.

Ein Geschoss widmet sich ganz dem Geruch. Koo Jeong A öffnet einen Raum für olfaktorische Wahrnehmung – für das Unsichtbare, das nur sinnlich erfassbar ist. Im obersten Stockwerk zeigt sie einen Film, umgeben von grünlich fluoreszierenden Sternen, die auf Weite und Unendlichkeit verweisen.

Koo Jeong As Installationen sind keine Bühnen oder Erzählungen. Sie schaffen Atmosphären der Durchlässigkeit, Räume energetischer Verschiebungen. Die Arbeiten leben von Präsenz und verborgener, aber deutlich spürbarer Energie.

Indem die Künstlerin uns mit dem konfrontiert, was sich der direkten Sichtbarkeit entzieht, öffnet sie einen Raum zur Reflexion. Wir werden eingeladen, unseren gewohnten Erfahrungsraum zu hinterfragen – was nehmen wir wahr, was übersehen wir, welche Kräfte und Phänomene wirken jenseits unserer alltäglichen Aufmerksamkeit?

Das Kunsthaus Bregenz zeigt mit dieser Einladung erneut seine Stärke, die Grenzen der eigenen Architektur neu auszuloten. Wo andere Häuser auf Spektakel setzen, wagt das KUB die Reduktion – und macht gerade dadurch Raum für eine Kunst, die nicht lauter werden muss, um gehört zu werden.

Ort: Kunsthaus Bregenz, , Österreich
Laufzeit: 31.1. bis 25.5.2026
Link:Kunsthaus Bregenz
Map: artplaces

// report: chris
    tags: Installation, Skulptur, Zeitgenössische
    Kunst, Sound Art, Olfaktorische Kunst, Südkorea 
    image rights: Markus Tretter

Helle Sandstruktur mit geometrischen Formen und verschiedenen Landschaftselementen.

Carl Cheng - Museum Tinguely

Während die Kusama-Ausstellung in der Fondation Beyeler die Massen anzieht, präsentiert das Museum Tinguely in Basel mit Carl Cheng einen Künstler, der bei weitem nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfährt – zu Unrecht, wie sich bei einem Besuch Mitte Januar zeigt. Die Retrospektive zum Werk des 1942 in San Francisco geborenen, heute 82-jährigen Künstlers offenbart eine äußerst spannende, visionäre Position, die zwischen Kunst, Wissenschaft und ökologischem Denken oszilliert.

Seit den 1960er Jahren entwickelt Cheng Arbeiten, die Naturprozesse, technologische Systeme und künstlerische Intervention miteinander verschränken. Seine “Nature Machines” – autonome Systeme, die natürliche Phänomene simulieren – zeugen von einem radikalen Denken, das seiner Zeit weit voraus war. Besonders faszinierend sind seine Verwitterungsexperimente, die er über Jahrzehnte auf dem Dach seines Studios in Los Angeles durchführte. Cheng setzte dort skulpturale Formen den Umweltbedingungen wie Verwitterung und Erosion aus, arbeitete mit organischen Materialien wie Eidechsenhäuten und Kakteen und verfolgte teils jahrzehntelange Prozesse von Wachstum und Zerfall als künstlerische Methodik.  Diese Experimente mündeten in die “Erosion Machines” – Apparate, die kontinuierlich Wasser auf Chengs “menschliche Felsen” sprühen, sedimentierte Gipsformen mit eingebetteten Resten von Alltagstechnologie. 

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist Chengs Arbeit mit der Sandgestaltungsmaschine, einem faszinierenden Apparat, der durch programmierte Bewegungen kontinuierlich neue Muster im Sand erzeugt. Hier verbindet sich die Ästhetik des Zen-Gartens mit kybernetischer Logik – Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als lebendiger, sich wandelnder Prozess.

Das Museum Tinguely erweist sich als idealer Ort für diese Retrospektive. Die Nähe zu Jean Tinguelys eigenen kinetischen Skulpturen schafft einen fruchtbaren Dialog. Die Ausstellung verdient große Anerkennung – für die Wiederentdeckung einer zu wenig bekannten Position und für den Mut, auch jenseits des kommerziellen Mainstreams künstlerische Visionen zu zeigen, die zum Nachdenken anregen.

Ort:Museum Tinguely, Basel, CH  
Laufzeit: noch bis 10. Mai 2026  
Link: Museum Tinguely 
Map: artplaces

// report: pedro
    tags: Ausstellung, Carl Cheng, Kinetische 
    Kunst, Ökologie, Konzeptkunst, Maschine, 
    Prozess, Retrospektive, Verwitterung  
    image rights: Museum Tinguely​​​​​​​​​​​​​​​​

Eine Person steht in einem Raum mit geschwungenen Wänden und goldenen Punkten.

Yayoi Kusama - Fondation Beyeler

Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zeigt bis zum 25.1.2025 eine umfassende Retrospektive der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama – und das Publikum strömt. Bereits Wochen vor dem Ende waren sämtliche Zeitfenster ausverkauft. Diese Besuchermassen sind bezeichnend für ein Phänomen, das die Kunstwelt zunehmend prägt: die Inszenierung von Blockbuster-Ausstellungen, die ein breites Publikum ansprechen und gleichzeitig die Kassen füllen. Dass die Fondation Beyeler verstärkt auf solche publikumswirksamen Schauen setzt, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die laufenden Erweiterungsbauten nach Plänen von Peter Zumthor belasten das Budget erheblich, und Ausstellungen wie diese sollen helfen, die finanziellen Herausforderungen zu bewältigen.

Dabei bietet die Schau durchaus mehr als nur Instagram-taugliche Selfie-Spots. Besonders die frühen Arbeiten Kusamas aus den 1950er und 60er Jahren offenbaren eine künstlerische Intensität, die in der medialen Vermarktung der heute 65-jährigen, in Tokio lebenden Künstlerin oft untergeht. Neben den charakteristischen Infinity Rooms, in denen sich Besucher in unendlichen Spiegelungen verlieren können, zeigt die Ausstellung auch Videos ihrer politischen Aktionen aus den 1960er Jahren sowie eine Auswahl ihrer Gedichtbände und literarischen Arbeiten. Diese Erweiterung des Blicks macht deutlich, wie vielseitig Kusamas Schaffen tatsächlich ist – weit über die bekannten Kürbisskulpturen und Polka Dots hinaus.

Den Schwerpunkt bilden jedoch die geradezu brutalen, obsessiven Bildwelten, die Kusamas schwierige psychische Verfasstheit widerspiegeln. Die Künstlerin selbst hat wiederholt betont, dass die Themen von Angst, Auflösung und Obsession sie seit ihrer Jugend begleiten. Ihre Kunst, so wird in Basel sichtbar, funktioniert auch als Form der Therapie – ein Ventil für psychische Spannungen, die sich in endlosen Wiederholungen von Mustern und Formen Bahn brechen. Die von Kusama selbst beschriebene “gewollte Selbstauflösung” manifestiert sich besonders eindrücklich in den Spiegelräumen, in denen die Besucher ähnliche Erfahrungen von Entgrenzung und Auflösung machen können.

Was allerdings fehlt, ist der bei früheren Ausstellungen der Fondation Beyeler übliche persönliche Videobeitrag, in dem die Künstlerin oder Kuratoren den Zugang zum Werk vertiefen. Trotz dieser Lücke und trotz des kommerziellen Charakters der Schau: Die Kusama-Retrospektive bietet einen wuchtigen, berührenden Einblick in das Lebenswerk einer Künstlerin, die aus ihrer Verwundbarkeit eine außergewöhnliche künstlerische Kraft geschöpft hat.

Ort:Fondation Beyeler, Riehen/Basel, CH
Laufzeit:noch bis 25. Jänner 2025  
Link:Fondation Beyerle 
Map: artplaces

// report: chris
    tags: Ausstellung, Yayoi Kusama, 
    Retrospektive, Installation, 
    Zeitgenössische Kunst, Japan,  
    Infinity Rooms  
    image rights: artalpsreview

Architektonisches Modell eines modernen Gebäudes mit geschwungenen Formen und mehreren Ebenen.

Gerhard Gerstbauer - Modelle einer anderen Moderne

Im Architekturhaus Salzburg wird derzeit das Werk von Gerhard Garstenauer mit einer seltenen Dichte an Modellen, Plänen und Fotografien gezeigt. Die Schau ist als „Gastspiel“ des Salzburg Museum konzipiert und greift auf einen umfangreichen Nachlass zurück, der über Jahre zusammengetragen und digital inventarisiert wurde. Rund 8.500 Objekte – Zeichnungen, Modelle, theoretische Texte und Medienberichte – bilden den Hintergrund für einen Parcours, der Garstenauer als Architekt, Gestalter und forschenden Denker zeigt.​

Im Zentrum stehen drei Bauaufgaben: Industrie, Wohnen und Tourismus. An ihnen lässt sich ablesen, wie selbstverständlich Garstenauer mit neuen Typologien experimentierte – von der Felsentherme in Bad Gastein bis zu Berg- und Liftstationen, die als eigenständige topografische Einheiten gedacht sind. Viele dieser einst gefeierten Bauten sind heute leider stark verändert oder in einem prekären Zustand, was der Ausstellung eine unerwartete Dringlichkeit verleiht.​

Die Fotografien – historische Aufnahmen, aktuelle Bestandsfotos und Ausstellungsansichten – zeigen, wie sehr Garstenauers Architektur zwischen technischer Präzision und landschaftlicher Imagination vermittelt. Modelle und Zeichnungen treten dabei nicht als Illustrationen auf, sondern als eigenständige Gedankenräume: Sie erzählen von einer Zeit, in der in Salzburg an einer offenen, zukunftsorientierten Moderne gearbeitet wurde.​

Kuratorisch verzichtet die Schau auf nostalgische Glättung. Stattdessen stellt sie die Frage, welche Formen des Umgangs mit dem baulichen Erbe der Nachkriegsmoderne heute möglich sind. 

Die Kooperation von Salzburg Museum, Initiative Architektur und Gastein 74 versteht sich als Plädoyer, die verbliebenen Arbeiten Garstenauers als Teil einer kritischen Baukultur zu interpretieren und nicht als Altlast einer vergangenen Epoche.​

Ort: Architekturhaus Salzburg, Initiative Architektur, Salzburg.​

Laufzeit: 17. Oktober 2025 – 20. Februar 2026 (geschlossen 20.12.2025–12.01.2026).​

link: Initiative Architektur

// report: chris
    tags:Brutalismus, Felsentherme, 
    Gastein74,Nachkriegsmodern,Salzburg,
    Architektur 
    image rights: unsplashed
 

Zwei quadratische Farbflächen: links Gelb, rechts grün-rot mit pixelartigem Muster.

Richard Paul Lohse  – Farbe als System, System als Haltung

Er wollte, wie er selbst sagte, demokratisch malen. Das Museum Haus Konstruktiv eröffnet sein Jahresprogramm 2026 mit einer umfassenden Retrospektive des Zürcher Künstlers Richard Paul Lohse (1902–1988) – und zeigt dabei, wie präzise dieses Vorhaben in Malerei übersetzt werden kann. Über fünfzig Werke aus vier Jahrzehnten, von frühen abstrakten Leinwänden der 1940er-Jahre bis kurz vor seinem Tod 1988, sind im neuen Domizil des Hauses im Löwenbräukunst-Areal zu sehen.

Die Ausstellung, kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher in enger Kooperation mit der Richard Paul Lohse-Stiftung und dem MASI Lugano, erzählt eine Entwicklungsgeschichte mit innerer Logik: Lohse beginnt mit geometrischen Figuren, die noch frei im Bildraum schweben, und arbeitet sich systematisch zur strengen horizontalen und vertikalen Gliederung in Farbfeldern vor. Die Konstruktionszeichnungen und Entwürfe, die in der Ausstellung neben den Gemälden gezeigt werden, sind keine blossen Vorarbeiten – sie sind konstitutiver Bestandteil des Werks. Raster und Farbreihen werden nicht aus einem ästhetischen Impuls gesetzt, sondern aus einem mathematisch-ethischen: Kein Feld soll wichtiger sein als das andere, keine Farbe dominieren.

Was die Schau besonders stark macht, ist ihre Aktualität. Vor dem Hintergrund algorithmischer Bildgenerierung wirken Lohses serielle Systeme geradezu prophetisch: Regelbasierte Strukturen als Ausdruck gesellschaftlicher Utopie, nicht technischer Effizienz. Die drei Grossformate, die er für die documenta 7 malte, stehen für sich – leuchtend, still und von einer Überzeugungskraft, die keine Geste braucht.

Ort: Museum Haus Konstruktiv, Limmatstrasse 268, Zürich, CH
Laufzeit: bis 10.5.2026
Link: hauskonstruktiv.ch

// report: pedro
    tags: Konkrete Kunst, Malerei,
    Konstruktivismus, Zürcher Konkrete,          
    Systematische Kunst
    image rights: Richard Paul Lohse-Stiftung / 
    ProLitteris

Moderne Kunstinstallation mit goldenen Elementen und einer stehenden Person in einem Ausstellungsraum.

More than Human – Design mit der Natur 

 

Was passiert, wenn Design aufhört, primär für den Menschen zu denken? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt der Wanderausstellung More than Human – Design mit der Natur, die das Design Museum London produziert hat und die nun im denkmalgeschützten Stammhaus des Museums für Gestaltung an der Ausstellungsstrasse gastiert. Kuratiert von Justin McGuirk und Rebecca Lewin in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Hausverantwortlichen Damian Fopp, versammelt die Schau rund dreissig Positionen aus Design, Kunst und Architektur.

Der Parcours gliedert sich in drei Kapitel: Being Landscape, Making with the World und Shifting Perspective. Diese Gliederung ist konsequent durchgehalten und gibt der Ausstellung eine inhaltliche Klarheit, die dichten Themen wie Klimakrise und Artensterben gut bekommt. Zu sehen sind Beiträge von Formafantasma, Superflux, Dunne & Raby und Alexandra Daisy Ginsberg neben wissenschaftlichen Kooperationen, etwa mit der Entomologischen Sammlung der ETH Zürich. Die Arbeiten bewegen sich zwischen spekulativer Praxis und konkreter Forschung: regenerative Materialien, ökologische Infrastrukturkonzepte, Entwürfe, die das Verhalten von Pilzen, Insekten oder Meeresströmungen in den Gestaltungsprozess einbeziehen.

Der ruhige, sachliche Rahmen der Ausstellungsstrasse – ein Bau der Schweizer Architekturmoderne – tut den oft sperrigen Thesen gut. Man kann sich in Einzelpositionen vertiefen, ohne von einem aufdringlichen Gesamtgestus überwältigt zu werden. Manches bleibt programmatisch, Einiges ist von echter formaler Schärfe. Als erste Präsentation dieser Schau in der Schweiz setzt More than Human einen wichtigen Akzent: Design nicht als Problemlösung für den Menschen, sondern als Mitgestaltung eines geteilten Planeten.

Ort: Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse, CH
Laufzeit: bis 31.5.2026
Link: museum-gestaltung.ch

// report: chris
    tags: Design, Ökologie, Architektur,
    Klimadesign, Spekulatives Design, 
    Naturwissenschaft
    image rights: 2026 artalpsreview.at

Bunte Seesterne liegen auf einer hellblauen Oberfläche in einem Zeltartigem Raum.

Breath with Pilatus - Luzern

 

Während sich alpine Destinationen zunehmend um Wellness-Angebote und Achtsamkeitsprogramme bemühen, wagt die Pilatus-Bahnen AG mit "Breathe with Pilatus" einen ungewöhnlichen Schritt: Eine zeitgenössische Kunstinstallation auf 2132 Metern Höhe, die nicht illustriert, sondern eigenständig agiert. 

Die multisensorische Arbeit der in New York lebenden Schweizer Experience-Designerin Annabelle Schneider zeigt, dass die Verbindung von Kunst, Tourismus und Bergwelt durchaus produktiv sein kann – wenn sie intelligent konzipiert ist.

Schneider, 1986 geboren und Dozentin an der renommierten Parsons School of Design, entwickelt seit Jahren immersive Installationen, die physische und virtuelle – zielen auf psychisches Wohlbefinden und sensorische Präsenz in einer zunehmend digitalisierten Welt. 

Im Herzen des Dragon Forums auf Pilatus Kulm entfaltet sich eine begehbare, sanft atmende Stoffwolke – ein organisches Gebilde aus Licht, Klang und Duft. Die visuellen Projektionen zeigen Natur in Makro-Perspektive: tropfendes Wasser, Moosstrukturen, Arvenholz, Schnee. Das Grammy-prämierte Luzerner Kollektiv LAF komponierte eine Klanglandschaft zwischen alpiner Tradition und zeitgenössischer Elektronik, während das Schweizer Dufthaus LUZI mit Arve, Moos und kühler Bergluft die olfaktorische Dimension beisteuert. Besucher*innen werden eingeladen, sich barfuß in die textile Wolke zu begeben, sich hinzulegen, zu atmen – die Installation zu erfahren.

Kritisch hinterfragt werden muss allerdings, ob diese inszenierte Naturerfahrung nicht in Konkurrenz zur tatsächlichen alpinen Umgebung tritt. Die Installation wirkt als meditativer Rückzugsort dort am stärksten, wo draußen Nebel und Kälte die Bewegungsfreiheit einschränken. 

Das Projekt verdient Anerkennung für den Mut, zeitgenössische Kunst im touristischen Kontext nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als eigenständige Position zu etablieren. Schneiders Installation ist kostenlos für alle Bahnticketinhaber zugänglich.

Ort: Pilatus Kulm, Dragon Forum, Schweiz
Laufzeit: 16. Januar bis 26. April 2026
Link: Pilatus
Map: artplaces 

// report: chris
    tags: Installation, Annabelle        
    Schneider, 
    Multisensorisch, Wellbeing,
    Entschleunigung, Alpen, Immersive 
    Kunst
    image rights: Beat Bechbuehl
    Pilatus-Bahnen AG

Zwei Männer stehen auf einer Bühne, im Hintergrund das Wort „Maschek“ in einer Sprechblase.

Maschek - Synchroner Wahnsinn am Spielboden

Der traditionelle Jahresrückblick von "maschek, das war 2025" ist aus der Dornbirner Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Am Freitag, den 9. Jänner gastierte das Duo im restlos ausverkauften Spielboden und bewies einmal mehr, dass die politische Realität erst durch ihre Neusynchronisation die nötige Schärfe erhält.

Was maschek seit Jahren perfektioniert haben, ist eine Kunstform eigener Prägung: die satirische Neusynchronisation politischer Fernsehbilder. Während die originalen Aufnahmen über die Leinwand flimmern, legen Peter Hörmanseder und Robert Stachel den Protagonist:innen Worte in den Mund, die das Unausgesprochene, das Peinliche und das Absurde der politischen Realität ans Licht bringen. Der Abend im Spielboden zeigte das gesamte Spektrum dieser Kunst – von internationalen Krisen bis zu österreichischen Politskandalen, von EU-Gipfeln bis zu provinziellen Landtagsdebatten.

Peter Hörmanseder und Robert Stachel zogen alle Register ihres Könnens. Das Publikum in Dornbirn verfolgte staunend die Stimmvirtuosität und die absurden Einfälle, mit denen die beiden den Akteur:innen des vergangenen Jahres 2025 neue, oft entlarvende Worte in den Mund legten. Besonders bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, innerhalb von Sekunden zwischen völlig unterschiedlichen Charakteren zu wechseln. Ein hochnäsiger Diplomat wird abgelöst von einem hemdsärmeligen Populisten, eine steife Nachrichtensprecherin von einem nervösen Pressesprecher. Jede Stimme sitzt, jeder Akzent ist auf den Punkt.

Was maschek von reiner Nachäfferei unterscheidet, ist ihr analytischer Blick. Sie destillieren aus dem politischen Geschehen eines ganzen Jahres die zentralen Muster, Widersprüche und Absurditäten. Ihre Texte sind keine willkürlichen Witze, sondern präzise Kommentare zur Verfasstheit unserer politischen Kultur.

Es war ein Abend voller Pointen, der die Grenze zwischen Original und Parodie meisterhaft verwischte. Manchmal ertappte man sich dabei zu zweifeln: Hatte diese Person das wirklich so gesagt? Oder war das schon maschek? 

Als Krönung eines gelungenen Abends servierten maschek eine Zugabe, die bereits den Blick nach vorne richtete. Mit der Versicherung, der Jahresrückblick für das gerade begonnene Jahr 2026 sei im Grunde schon fertig konzipiert, sorgten sie für Heiterkeit im Saal. Man warte lediglich noch ab, um auch die allerletzten politischen Verwerfungen und Entwicklungen tagesaktuell einbauen zu können.

Ort: Spielboden Dornbirn, Vorarlberg
Laufzeit: Einmaliges Gastspiel (9. Januar 2026)
Link: Spielboden Dornbirn 

// report: ceha
    tags:   Kabarett, Satire, Vorarlberg,
    Dornbirn, Jahresrückblick, maschek
    image rights: artalpsreview 

Zwei Schauspieler stehen in einer Theaterszene, vor einem Tisch und einer Bar.

Nick Hornbys Ehedrama am Theater Kosmos Bregenz

 

"Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Eine Ehe in zehn Sitzungen" von Nick Hornby

Das Theater Kosmos in Bregenz erfüllt als Kleinbühne eine unverzichtbare Funktion für die Landeshauptstadt. Gerade für eine Stadt, die zwar mit den Festspielen internationales Renommee genießt, im Rest des Jahres aber theatral sparsam versorgt ist, bietet das Kosmos jenen experimentellen und intimen Produktionen Raum, die anderswo untergehen würden.

Nick Hornbys "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" fordert dieses Setting geradezu: Zehn Paartherapiesitzungen, ein Paar am Scheideweg, eine unsichtbare Therapeutin – mehr braucht es nicht für neunzig Minuten Beziehungsanalyse mit britischem Humor. Der Autor, bekannt für "About a Boy" und "High Fidelity", wagt sich hier auf psychologisch anspruchsvolleres Terrain.

Die Bregenzer Inszenierung überzeugt durch ihre Konsequenz. Die Regie vertraut dem Text und seinem Rhythmus, das minimalistische Bühnenbild fokussiert auf das Wesentliche: die Kommunikation zweier Menschen, die sich gleichzeitig zu nah und zu fern sind.

Wo die Inszenierung allerdings an ihre Grenzen stößt, ist die Glaubwürdigkeit der zentralen Beziehung. Das Darstellerpaar agiert solide, doch die Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte bleiben abstrakt. Es fehlt jene unausgesprochene Vertrautheit, die sich in Gesten, Blicken und dem Timing der Repliken manifestiert. Man nimmt ihnen nicht ganz ab, dass dieses Paar tatsächlich eine lange Ehe durchlebt hat. Die emotionalen Ausbrüche wirken zuweilen einstudiert, wo sie aus jahrelanger Enttäuschung kommen müssten.

Das ist bedauerlich, denn Hornbys Text lebt von den Schichten, die sich in Beziehungen ablagern. Wenn diese historische Dimension nicht spürbar wird, bleibt die Paartherapie ein interessantes Konstrukt, ohne zur existenziellen Erfahrung zu werden.

Dennoch: Die Produktion zeigt, was zeitgenössisches Theater auf kleiner Bühne leisten kann. Das Theater Kosmos beweist, dass Größe nicht mit der Zahl der Sitzplätze zu tun hat, sondern mit der Bereitschaft, sich auf schwierige Stoffe einzulassen.

Nick Hornby schreibt keine großen Katharsen, sondern kleine Wahrheiten. Die Bregenzer Inszenierung erzählt sie mit Respekt und Sorgfalt – auch wenn nicht alle Wahrheiten gleich tief dringen.

Spielort: Theater Kosmos, Bregenz
Datum: Januar 2026
link:Weitere Informationen und Spieltermine unter www.theaterkosmos.at

// report: ceha
    ​​​​​​​​​​​​​​​​tags: Theate, Bregenz, NickHornby 
    Schauspiel, ZeitgenössischesTheater 
    Kleinbühne
    imagerights: floriankoller_Mistura

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