Tour d´arte di Venezia 2026
Biennale Arte 2026 - In Minor Keys
Manches Motto ist leichter formuliert als eingelöst. „In Minor Keys" — das Leitthema der Biennale Arte 2026 trägt die Handschrift von Koyo Kouoh, der in Kamerun geborenen Direktorin des Zeitz MOCAA in Kapstadt, der ersten Frau aus dem afrikanischen Raum in dieser Rolle. Kouoh starb kurz vor der Eröffnung der Biennale; ein Schatten, der über dem Ganzen liegt. Was sie anstrebte, war eine Abkehr vom Lauten, Westlich-Dominanten: Stille, Spiritualität, jene künstlerischen Stimmen, die im globalen Diskurs zu lange im Leisen blieben. Was daraus geworden ist, lässt sich nur als gemischt beschreiben.
Vieles, was die Giardini und das Arsenale füllt, folgt folkloristischen Mustern — in sich stimmige Kunstpraktiken, dem je eigenen Herkunftsraum treu, als Einzelerfahrung oft ansprechend, als Bild globaler Kunstentwicklungen mit ihren Brüchen und Widersprüchen aber wenig erhellend. Was andernorts als „Ästhetik des Richtigen" diskutiert wird — die Bevorzugung des Nichtwestlichen, des Leisen, des kuratorisch Korrekten — führt hier zu einem Programm, das häufig Haltung über Wirkung stellt. Dazu kommt ein strukturelles Problem der Vermittlung: Manche gelungene Arbeit wird auf Riesenbildschirmen präsentiert, eine mediale Form, die körperliche Kunsterfahrung kaum ersetzen kann. Wer das Beste dieser Biennale sehen will, muss Zeit mitbringen — und die Bereitschaft, selektiv zu sein.
Aus der Fülle des Dargebotenen ragen einige Beiträge heraus, die das Motto aufgreifen und künstlerisch wie kuratorisch einlösen.
Der Deutsche Pavillon setzt ein klares Signal noch vor dem Betreten: Die Fassade ist mit Plattenbaukacheln verkleidet, ein Material, das in seiner sachlichen Nüchternheit sofort eine Richtung vorgibt. Im Inneren entfaltet sich, kuratiert von Kathleen Reinhardt, eine Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte, die das Dokumentarische meidet. Henrike Naumann, im Februar 2026 jung verstorben, verhandelte in ihrer Kunst gesellschaftspolitische Spannungen auf der Ebene von Design und Interieur. Sung Tieu untersucht die Nachwirkungen des Kalten Krieges und die subtilen Mechanismen institutioneller Gewalt. Interventionen aus Farbe, Form und Gegenständen überlagern und kommentieren einander — das hat Haltung, ohne zu illustrieren.
Der Polnische Beitrag ist die konsequenteste Umsetzung von „In Minor Keys" in den Giardini. In dichter, fast klaustrophobischer Kameraführung stellt er die Gebärdensprache der Vokalsprache gegenüber — eine Wahrnehmungswelt, die im gesellschaftlichen Raum weitgehend unsichtbar bleibt. Gefilmt unter Wasser, in einem Pool. Das ist kein bloßes Stilmittel: In dieser schweigenden, fließenden Welt bekommt Sprache eine andere Physik. Besser lässt sich das Motto kaum in Bild und Klangraum übersetzen.
Der Schweizer Pavillon nähert sich dem Thema mit architektonischer Sensibilität. Er führt behutsam in die Relativität von Raumwahrnehmung ein — Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Funktion und Empfindung beginnen zu verschwimmen. Das Projekt entstand im Rahmen eines offenen Bewerbungsverfahrens unter Federführung von Pro Helvetia: Eine externe Jury bewertet Konzept, Prozess und Relevanz in einem mehrstufigen Verfahren. Was 2026 daraus hervorgegangen ist, zeigt, wie ernsthaft dieser Prozess genommen wird. Keine schnellen Antworten, dafür präzise Fragen.
Über Österreich ist schon viel berichtetworden. Florentina Holzinger, Choreografin und Performance-Künstlerin, gestaltet einen Beitrag, der in seinen Bezügen zum Wiener Aktionismus unübersehbar ist — das Körperliche, das Rituelle, die performative Strenge. Der entscheidende Unterschied: Wo einst Männer Skandale inszenierten, übernehmen hier Frauen in einer kollektiven Performance dieselbe Rolle, ausgeführt mit formaler Konsequenz. Das ist immerhin eine interessante Verschiebung. Die thematische Rahmung über Ressourcenknappheit aber wirkt aufgesetzt, ein konzeptueller Überbau, der dem Körperhaften eher im Weg steht als es trägt.
Wer visuelle und taktile Intensität sucht: Der Argentinische Beitrag im Arsenale überzeugt mit sinnlichen Erfahrungen, die noch nachklingen. Der Indische Pavillon bietet eine eindrückliche Erkundung von Bauformen — materialreich, raumgreifend, ein Beitrag, der bleibende Bilder hinterlässt.
Das eigentliche Highlight des Biennalebesuchs liegt außerhalb des offiziellen Programms — und zeigt nebenbei, was möglich ist, wenn Haltung und Qualität tatsächlich zusammenfallen. Die Pinault Collection bespielt Palazzo Grassi und Punta della Dogana erstmals mit vier simultanen Einzelausstellungen.
Im Palazzo Grassi zeigt Michael Armitage unter dem Titel „The Promise of Change" über 150 Arbeiten, kuratiert von Jean-Marie Gallais in Dialog mit Hans-Ulrich Obrist. Armitage, 1984 in Nairobi geboren, malt auf Lubugo-Rindengewebe — eine bewusste Absage an das westliche Leinwandformat, aus dem Material selbst heraus argumentierend. Korruption, Migration, politische Instabilität in ostafrikanischen Regionen — alles da, eingebettet in eine Bildsprache von selten gesehener Farbkraft und erzählerischer Vielschichtigkeit. Im Obergeschoss ergänzt Amar Kanwar mit „Co-travellers" ein meditatives Gegengewicht: Der indische Filmemacher verwebt Dokumentation, Erinnerung und symbolisches Erzählen zu einer immersiven Erfahrung.
In der Punta della Dogana wartet Lorna Simpson mit „Third Person", kuratiert von Emma Lavigne in Partnerschaft mit dem Metropolitan Museum of Art, New York — die erste große europäische Retrospektive ihres Malereiwerks: rund 50 Arbeiten, Gemälde, Collagen, Skulpturen, Installationen, Film. Eigens für die Räume der Dogana geschaffen, unter anderem eine Bodeninstallation mit Klangschalen, deren Resonanz sich körperlich mitteilt. Das ist Kunst auf der Höhe der Zeit. Flankiert wird sie von Paulo Nazareth mit „Algebra" — der brasilianische Künstler, der seit fünfzehn Jahren barfuß durch Amerika und Afrika reist, als körperliche Hommage an seine versklavten Vorfahren.
Den Abschluss bilden zwei Collaterali, die an unerwarteten Orten Überraschungen bereithalten. Su Xiaobai zeigt mit „Alchemical Universe" Arbeiten von meditativer Farbtiefe, die das Motto der Biennale überzeugender einlösen als mancher Pavillon. Und auf dem Weg zu den Giardini: Rashid Al Khalifa mit einem dichten roten Gitterwerk, das die Welt beim Hindurchschauen eigentümlich neu ordnet — ein stilles, hartnäckiges Bild, das bleibt.
Ort: Giardini, Arsenale und weitere Orte, Venedig, IT
Termin: bis 22. November 2026
Link: labiennale.org / pinaultcollection.com
// report: ceha and pedro
tags: Biennale, Zeitgenössische Kunst, Venedig, Pinault Collection, Malerei, Performance, Sound Art, Gegenwartskunst
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