Anselm Kiefer Milano

Anselm Kiefer - Palazzo Reale, Milano

Le Alchemiste 

In der Sala delle Cariatidi des Palazzo Reale hängt Geschichte buchstäblich an den Wänden – als Wunde, nicht als Dekor. Anselm Kiefer füllt den von den alliierten Bomben 1943 versehrten Saal mit seiner neuen, eigens für diesen Ort konzipierten Werkserie Die Alchemistinnen.

Wer den Raum betritt, steht in einem Stück Geschichte: Die geköpften Karyatiden an der Decke, die nie restaurierten Brandspuren, der Blick durch die hohen Fenster auf den Mailänder Dom – hier hing 1953 bereits Picassos Guernica. Kiefer reagiert auf diese Situation mit knapp vierzig monumentalen Leinwänden, die den Saal nicht schmücken, sondern fortsetzen.

Sein Thema sind Alchemistinnen und starke Frauen, die Wissen besaßen, dennoch vergessen, verschwiegen oder verleumdet wurden. Etwa Caterina Sforza, die in Mailand aufwuchs und ein Manuskript mit über vierhundert alchemistischen und kosmetischen Rezepturen hinterließ. Sie steht programmatisch im Zentrum. Daneben tauchen Namen auf, die selbst kundige Besucher erst nachschlagen müssen- was  zu empfehlen ist. 

Kiefers Material trägt die eigentliche Aussage: Blei, Asche, Schellack, Elektrolysesediment, dazu aufmontierte Fotografien und kleinere Leinwände, die wie Erinnerungsfetzen auf den großen Bildgrund geklebt sind. Diese Collage-Technik ist bei ihm Programm, kein Zufall – das Aufgeklebte bleibt sichtbar fremd im Bild, so wie Geschichte sich nie restlos einfügt. Wo die Balance kippt, droht freilich auch Kitsch: große Gesten, mythologische Überhöhung, viel Gold.

Genau an den vollständig in Gold gehaltenen Tafeln zeigt sich, wie schmal dieser Grat ist. Gesichter treten aus dem Goldgrund hervor, halb Ikone, halb Totenmaske – ein zweiteiliges Diptychon mit kaum lesbarem, verwischtem Namenszug gehört zu den eindringlichsten Bildern der Schau. 

Konzeptionell lässt sich das Gold rechtfertigen, als prima materia, als Urstoff vor aller Differenzierung, nicht als Zierrat. Doch dieser Anspruch trägt nicht von selbst. Isoliert, im Katalog oder in einer weißen Galerie, würden manche dieser Tafeln vermutlich kippen – zu andächtig, zu nah am Heiligenbild. Dass sie im Saal dennoch funktionieren, liegt weniger an der Konzeption als an der Nachbarschaft: Erst die enthaupteten Karyatiden und die unrestaurierten Brandspuren erden das Gold und geben ihm einen Widerstand, den es aus sich selbst nicht hätte.

Und doch bleibt ein zweiter, gewichtigerer Einwand bestehen, der sich beim Gang durch den Saal verdichtet: Die Frauen erscheinen bei Kiefer fast durchweg schwebend, sinkend, entrückt – passiv. 

Das wird besonders dort sichtbar, wo die historische Person das genaue Gegenteil war. Susanna von Klettenberg etwa erscheint auf ihrer Tafel genau in jener entrückten Haltung, die sich durch die ganze Serie zieht – dabei war sie keine kontemplative Randfigur, sondern die mystisch-alchemistische Lehrmeisterin des jungen Goethe, mit ihm gemeinsam in Theologie, Mystik und alchemistischen Experimenten versunken. Erst Goethe selbst, zwanzig Jahre nach ihrem Tod, stilisierte sie zur „schönen Seele" der Wilhelm Meisters Lehrjahre – kontemplativ, entrückt, ein Sehnsuchtsbild. Kiefer übernimmt, ob bewusst oder nicht, genau dieses Goethe-Bild und nicht die Frau, die es einmal gab. 

Mary Anne Atwood verbrannte mit neunundzwanzig Jahren eigenhändig die Restauflage ihres eigenen alchemistischen Hauptwerks, aus Furcht, zu viel verraten zu haben, und schwieg danach sechzig Jahre. 

Barbara von Cilli regierte viermal als Regentin Ungarns, bevor spätmittelalterliche Chronisten – allen voran der spätere Papst Pius II. – sie zur lasterhaften Frau umschrieben.

Kiefer will diese Frauen aus der damnatio memoriae befreien. Doch die Bildsprache – schwebend, leidend, golden verklärt – übernimmt unbewusst genau jenes Muster, das sie einst unsichtbar gemacht hat. Das ist kein Einwand gegen das Projekt, sondern seine interessanteste Reibungsfläche: ein Künstler, der Frauen ehren will und dabei den eigenen Blick nicht ganz verlässt.

Ort: Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi, Mailand, Italien
Termin: bis 27.9.2026
Link: palazzorealemilano.it

tags: Malerei, Installation, Site-specific, Alchemie, Mailand, Zeitgenössische Kunst
report: ceha and pedro

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