books & more
 


Stoff zum Freuen und Nachdenken: In ‚Books & more‘ präsentieren wir aktuelle Kataloge und frische Publikationen, die überraschen, inspirieren – und im Kopf bleiben.
 

 

Buchcover un diario transito

Transito – Ein Tagebuch. 
Biennale Bregaglia 2026

Kataloge zu Biennalen erscheinen meist als Bilanz: Werkabbildungen, kurze Texte, ein einleitender Essay. Das Buch zur vierten Biennale Bregaglia wählt einen anderen Weg. Kuratorin Anna Radaelli legt ein bebildertes Tagebuch vor, das nicht zum fertigen Ergebnis führt, sondern in die Zeit davor. Man folgt Ideen, wie sie entstehen und allmählich Gestalt annehmen, und begleitet die Suche nach Orten, an denen Kunst in diesem Tal bestehen kann.

Das passt zum Thema. Transito bedeutet für Radaelli nicht nur, von einem Ort zum anderen zu gelangen, sondern auch, Veränderung zu erfahren. Von Maloja über Casaccia, Borgonovo und Stampa bis zur Landesgrenze bei Castasegna folgte die Ausstellung den historischen Verbindungswegen des Bergells, eines Tals, das seit Jahrhunderten Handels- und Schmuggelroute ist und in dem Sprachen und Kulturen aufeinandertreffen. Das Tagebuch übersetzt diese Bewegung in eine andere Form: als Weg einer Kuratorin durch Landschaft, Begegnungen und Entscheidungen.

Gerade darin liegt der Wert des Bandes. Er zeigt, wie viel Vorarbeit, Ortskenntnis und Vertrauen eine Biennale in einem abgelegenen Alpental braucht, und macht sichtbar, was in klassischen Katalogen meist verborgen bleibt. Wer die Ausstellung gesehen hat, liest das Buch als Erinnerung und Kommentar. Wer sie verpasst hat, erhält eine sehr persönliche Einführung in ein Projekt, das zeitgenössische Kunst und den Alltag eines Tals auf überzeugende Weise zusammenführt.

Interssante Fadenbindung.

 

Buch-Details
Herausgeberin: Anna Radaelli Verlag: Scheidegger & Spiess Erscheinungsjahr: 2026

ISBN:979-12-5559-147-4 Umfang: 191 Seiten, fadengebunden
Bestelllink: Scheidegger & Spiess

Wie neutral müssen Museen agieren?

Wie Häuser offener, inklusiver und partizipativer werden

Museen galten lange als Orte der Ruhe, an denen Dinge geordnet, bewahrt und gezeigt werden. 

Der 2024 erschienene Band von Sønke Gau, Angeli Sachs und Thomas Sieber fragt, was geschieht, wenn man das Haus als Raum begreift, in dem eine Gesellschaft sich selbst verhandelt. Schon die Einleitung von Léontine Meijer-van Mensch macht den Ton klar: Museen sind nicht neutral. Sie erinnert daran, dass der kritische Dialog über Vergangenheit und Zukunft sowie der Anspruch, Konflikte der Gegenwart anzusprechen, aus dem Definitionsvorschlag von 2019 gestrichen wurden. In der 2022 in Prag beschlossenen Fassung fehlen sie.

Man kann darin eine Form von Selbstzensur sehen: Ein Berufsfeld nimmt sich ausgerechnet das, was es unbequem machen könnte. Das Buch hält dagegen und versteht Konflikt als Kontaktzone. Wie riskant das ist, zeigt das Grassi Museum Leipzig. Die Künstlergruppe PARA verarbeitete den Sockel einer Büste des früheren Direktors zu Repliken, was heftige Kritik auslöste. Die Autorin zieht daraus keinen Rückzug, sondern das Fazit, dass Scheitern zum Prozess gehört und Transparenz die Grundlage jeder Zusammenarbeit mit Communities ist.

Der Band zeigt Beispiele, wie museale Arbeit inklusiver, sozial offener und partizipativer gedacht und praktiziert werden kann. Für Kulturschaffende in kleineren Häusern, auch im Alpenraum, sind das weniger Theorien als Werkzeuge, mit denen sich das eigene Haus befragen lässt.

 

Buch-Details
Herausgeber:in: Sønke Gau, Angeli Sachs, Thomas Sieber Verlag: transcript Verlag, Reihe Edition Museum, Band 71 Erscheinungsjahr: 2024

ISBN: 978-3-8376-6668-7 Umfang: 241 Seiten, Softcover
Bestelllink: transcript

Museum Membership Innovation 
 

Unlocking Ideas for Audience Engagement and Sustainable Revenue

 

Wie bindet man Menschen dauerhaft an ein Museum, wenn Förderungen unsicherer werden und sich das Freizeitverhalten verändert? Rosie Siemer stellt diese Frage in ihrem 2020 erschienenen Buch und beantwortet sie mit einer klaren These: Eine Mitgliedschaft sollte nicht länger als Tauschgeschäft von Eintritt gegen Beitrag gedacht werden, sondern als Beziehung zwischen Haus und Publikum. Das ist weniger selbstverständlich, als es klingt, denn viele Mitgliedsmodelle leben bis heute vom Rabatt.

Statt von Vorteilen geht Siemer von Bedürfnissen aus. Menschen werden Mitglied, weil sie etwas für sich erreichen wollen: Inspiration, Zugehörigkeit, gemeinsame Zeit mit der Familie oder die Unterstützung einer Institution, die ihnen wichtig ist. Entsprechend segmentiert sie Zielgruppen nach Motiven statt nur nach Alter und Einkommen. Dafür greift sie auf Methoden aus dem Innovationsmanagement zurück, etwa Design Thinking und Lean Startup. Neue Angebote werden zunächst im Kleinen getestet und erst dann ausgebaut.

Für Museen und Kunstvereine im Alpenraum, die mit Freundeskreisen und kleinen Teams arbeiten, liefert das Buch einen nützlichen Denkrahmen. Es verlangt allerdings, dass sich nicht nur die Mitgliederbetreuung ändert, sondern das ganze Haus, von der Vermittlung bis zum Fundraising. Und es misst Erfolg nicht an der Mitgliederzahl allein, sondern an Bindung, Engagement und der Qualität der Beziehung.

 

Buch-Details
Autorin: Rosie Siemer Verlag: Rowman & Littlefield Erscheinungsjahr: 2020

ISBN: 978-1-5381-1473-5 Umfang: 264 Seiten
Bestelllink: Bloomsbury

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Stoff zum Freuen und Nachdenken: In ‚Books & more‘ präsentieren wir aktuelle Kataloge und frische Publikationen, die überraschen, inspirieren – und im Kopf bleiben.
 

 

Buchcover mit dem Titel "Faszination Papier" und einem geometrischen Muster in Blau und Schwarz.

Transito: Ein Tagebuch. 
Biennale Bregaglia 2026

 

Im Sommer 2026 fand die vierte Ausgabe der Biennale Bregaglia statt, einer Ausstellung für Gegenwartskunst im Bergell, im Süden Graubündens. Das Tal ist seit Jahrhunderten ein Durchgangsraum, in dem sich architektonische, kulturhistorische, sprachliche und klimatische Linien kreuzen. Der Titel der Ausgabe, „Transito”, passt dazu.

Das Buch blickt in der Art eines Tagebuchs auf die Ausstellung zurück. Bilder und Texte sind in einem fortlaufenden Dialog verwoben, Rückblenden und persönliche Erinnerungen verbinden sich mit den Orten der Werke. So entsteht eine Erzählung, die zwischen Erinnerung, Beobachtung und Reflexion wechselt. Das passt zu einer Biennale, die nicht im Museum stattfindet, sondern an einer alten Zollbrücke, in Kirchen, auf Wiesen und auf der Alp.

Der Band enthält Profile der beteiligten Künstler:innen und ihrer Werke, einen poetischen Text der in Spanien geborenen Schweizer Autorin und Künstlerin Begoña Feijoo Fariña und eine Reflexion der Kuratorin Anna Radaelli über das Konzept der Ausstellung. Fotografien zeigen die Werke, aber auch Landschaften und Menschen. Das Buch eignet sich als Nachlese für Besucher:innen und als Einstieg für alle, die die Biennale verpasst haben.

 

Buch-Details
Herausgeberin: Anna Radaelli Verlag: Scheidegger & Spiess Erscheinungsjahr: 2026
ISBN: 978-3-03942-371-2 Umfang: 192 Seiten, 98 farbige und 5 s/w-Abbildungen, broschiert, 15 x 24 cm, Deutsch/Italienisch 

Preis: 29 CHF
Bestelllink: Scheidegger & Spiess


 

Architektur als Akteur? Zur Soziologie der Architekturerfahrung

 

In Bezug auf die Eröffnung der neuen Bauten von Peter Zumthor in Basel im Oktober 26 verweisen wir auf die interessante Studie von Theresia Leuenberger. Sie fragt, wie Nutzer:innen Architektur erfahren und welchen Anteil das Gebäude selbst daran hat. Sie verbindet Raumsoziologie, Theorie sozialer Praxis und Akteur-Netzwerk-Theorie und beschreibt Architekturerfahrung als relational und prozesshaft. Das Fragezeichen im Titel ist ernst gemeint: Handelt ein Gebäude, oder wird in ihm nur gehandelt?

Die empirische Grundlage bilden Gruppendiskussionen mit Jugendlichen unterschiedlicher Ausbildungsrichtungen im Kunsthaus Bregenz und in der Kunsthal Rotterdam. 

Für Leser:innen im Alpenraum ein naheliegender Bezug, denn das KUB ist hier Untersuchungsgegenstand und nicht nur Kulisse. Zentrales Ergebnis: Prägt die materielle Struktur des Gebäudes die Erfahrung vor, erleben mehr Menschen es ähnlich. Hängt sie vom Wissen des Einzelnen ab, gehen die Erfahrungen weiter auseinander.

Daraus lassen sich Hinweise für Planer:innen ableiten, schon im Entwurf einzuschätzen, wie weit ihre Annahmen von künftigen Nutzer:innen geteilt werden. Das Buch ist aus einer Dissertation entstanden und liest sich wissenschaftlich. Wer Museumsarchitektur nicht nur erleben, sondern auch verstehen möchte, findet hier das theoretische Rüstzeug.

 

Buch-Details
Autorin: Theresia Leuenberger Verlag: transcript Verlag Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: 978-3-8376-4264-3 Umfang: 390 Seiten, 32 Abbildungen, Taschenbuch Preis: 42,50 €
Bestelllink: Thalia

Große Kunst. Hyperwachstum in der Studiopraxis
 

 

Karen van den Bergs 2025 erschienene Studie gewährt Einblicke in den Maschinenraum der gegenwärtigen Kunstfabrikation. Das Buch zeichnet nach, wie spektakuläre Großinstallationen auf Biennalen zum neuen Normalzustand wurden und Künstlerstudios zunehmend mittelständischen Unternehmen gleichen. Auf der Hinterbühne haben sich hochgradig spezialisierte Fabrikationsbetriebe herausgebildet, in denen Heerscharen von Künstler:innen und Handwerker:innen den international gefeierten Stars zuarbeiten.

Mit Fallstudien zu El Anatsui, Olafur Eliasson, Katharina Grosse, Damien Hirst und Jeff Koons sowie einzelnen Kunst-fabrikationsfirmen legt die Autorin dar, wie schiere Größendimensionen immer neue Professionalisierungs-schübe zur Folge haben. Diese verändern nicht nur den Produktionsapparat, sondern auch die Idee selbstbestimmter künstlerischer Arbeit überhaupt. Van den Berg zeigt auf, dass XXL-Kunst sich nicht allein dem wachsenden Kunstmarkt und produktionstechnischen Veränderungen verdankt, sondern auch einem neuen epistemischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis.

Das reich bebilderte Buch analysiert den managerial turn in den Künsten im Spannungsfeld von Luxusökonomie und Aktivismus, Marktlogik und Autonomieanspruch. Es ist eine extrem spannende, gut recherchierte Auseinandersetzung mit den aktuellen Transformationen des Kunstbetriebs und den damit verbundenen 
Haltungen und Ideologien.

 

Buch-Details
Autorin: Karen van den Berg Verlag: tentare Verlag Erscheinungsjahr: 2025 
ISBN: 978-3-911804-02-8 Umfang: 384 Seiten, Klappenbroschur.
Bestellink: Tentare

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Stoff zum Freuen und Nachdenken: In ‚Books & more‘ präsentieren wir aktuelle Kataloge und frische Publikationen, die überraschen, inspirieren – und im Kopf bleiben.
 

 

Buchcover mit dem Titel "Faszination Papier" und einem geometrischen Muster in Blau und Schwarz.

Faszination Papier
Begleitkatalog zur Ausstellung in der Wiener Albertina

 

Der begleitende Katalog zur Ausstellung Faszination Papier folgt – wie die Schau selbst – einer Gliederung in zehn thematische Kapitel. Einführende Texte erläutern die Perspektive auf die Objekte und heben verbindende Aspekte der jeweiligen Gruppen hervor. Vertiefende Beiträge der drei Kuratorinnen sowie weiterer Fachleute der ALBERTINA beleuchten die einzelnen Werke im Detail.​

Die aufwendig gestaltete Publikation besticht durch zahlreiche bisher unpublizierte Kunstwerke und außergewöhnliche haptische Spezialeffekte. Dank der anspruchsvollen Grafik und Buchgestaltung des Dornbirners Kurt Dornig wird das Buch selbst zum Papierobjekt: Es enthält ausklappbare Seiten, eine Drehscheibe, eine Videoinstallation auf Transparentpapier sowie ein in Laser-Cut reproduziertes Katagami-Muster. Zudem liegt ein Modellbaubogen einer spätmittelalterlichen Papiersonnenuhr zum Selberbauen bei. Damit vermittelt der Katalog neue Perspektiven auf Papier als vielseitigen künstlerischen Werkstoff und lädt Leser:innen dazu ein, dessen Qualitäten über die reine Trägerfunktion hinaus zu entdecken.
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Katalog-Details

Herausgeber: Ralph Gleis, Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel​

Gestaltung: Kurt Dornig​

Texte: Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel u. a.​

Verlag: Hatje Cantz Verlag (in Kooperation mit der ALBERTINA, Wien)​

ISBN: 978-3-9505672-6-7​

Umfang: 260 Seiten, Hardcover, 30 x 24 cm​

Bestelllink:
Katalog „Faszination Papier“ im ALBERTINA Shop


 

Museen der Zukunft – Trends und Heraus-forderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements

 

Der Ende 2022 erschienene Sammelband von Henning Mohr und Diana Modarressi-Tehrani entstand in einer Phase fundamentaler Unsicherheit für Kulturinstitutionen. Die Corona-Pandemie hatte Museen weltweit zur Schließung gezwungen und gewohnte Vermittlungs-formate infrage gestellt. Gerade diese Ausnahmesituation macht das Buch zu einem wichtigen Diskussions-beitrag: Wenn etablierte Muster nicht mehr funktionieren, öffnet sich der Raum für grundsätzliche Neuorientierung.

Die versammelten Beiträge untersuchen, wie Museen ihr Selbstverständnis transformieren können – weg von der reinen Bewahrung und Präsentation von Vergangenem, hin zu lebendigen Orten gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Die Autor:innen beleuchten, wie kulturelle Einrichtungen soziale Entwicklungen aufnehmen und zu Plattformen des öffentlichen Diskurses werden. Dabei folgen sie dem Leitsatz des französischen Sozialisten und Politikers Jean Jaurès: „Wir wollen aus der Vergangenheit das Feuer übernehmen und nicht die Asche."

Der umfangreiche Band bietet auf über 460 Seiten vielfältige Perspektiven auf innovationsorientiertes Kulturmanagement und liefert konkrete Impulse für die Weiterentwicklung musealer Arbeit. Entstanden in einer Krisenzeit, die viele Gewissheiten infrage stellte, dokumentiert er einen wichtigen Moment institutioneller Selbstreflexion im Kultursektor.
 

Buch-Details
Herausgeber: Henning Mohr, Diana Modarressi-Tehrani Verlag: transcript Verlag Erscheinungsjahr: 2022 

ISBN: 978-3-8376-4896-6 Umfang: 462 Seiten, Softcover
Bestelllink: transcript

Große Kunst. Hyperwachstum in der Studiopraxis
 

 

Karen van den Bergs 2025 erschienene Studie gewährt Einblicke in den Maschinenraum der gegenwärtigen Kunstfabrikation. Das Buch zeichnet nach, wie spektakuläre Großinstallationen auf Biennalen zum neuen Normalzustand wurden und Künstlerstudios zunehmend mittelständischen Unternehmen gleichen. Auf der Hinterbühne haben sich hochgradig spezialisierte Fabrikationsbetriebe herausgebildet, in denen Heerscharen von Künstler:innen und Handwerker:innen den international gefeierten Stars zuarbeiten.

Mit Fallstudien zu El Anatsui, Olafur Eliasson, Katharina Grosse, Damien Hirst und Jeff Koons sowie einzelnen Kunst-fabrikationsfirmen legt die Autorin dar, wie schiere Größendimensionen immer neue Professionalisierungs-schübe zur Folge haben. Diese verändern nicht nur den Produktionsapparat, sondern auch die Idee selbstbestimmter künstlerischer Arbeit überhaupt. Van den Berg zeigt auf, dass XXL-Kunst sich nicht allein dem wachsenden Kunstmarkt und produktionstechnischen Veränderungen verdankt, sondern auch einem neuen epistemischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis.

Das reich bebilderte Buch analysiert den managerial turn in den Künsten im Spannungsfeld von Luxusökonomie und Aktivismus, Marktlogik und Autonomieanspruch. Es ist eine extrem spannende, gut recherchierte Auseinandersetzung mit den aktuellen Transformationen des Kunstbetriebs und den damit verbundenen 
Haltungen und Ideologien.

 

Buch-Details
Autorin: Karen van den Berg Verlag: tentare Verlag Erscheinungsjahr: 2025 
ISBN: 978-3-911804-02-8 Umfang: 384 Seiten, Klappenbroschur.
Bestellink: Tentare


Blow Up! – Die explosive Geschichte der modernen Kunst

Kunstgeschichte als Graphic Novel – das klingt nach didaktischem Kompromiss. Robert Shore, langjähriger Herausgeber des Elephant Magazine, beweist mit Blow Up! das Gegenteil. Gemeinsam mit der Illustratorin Eva Rossetti erzählt er hundert Jahre Moderne als rasantes Bilderbuch für Erwachsene: bunt, pointiert, überraschend substanziell.

Der Ausgangspunkt ist Duchamps Urinal von 1917 – der konzeptuelle Nullpunkt, von dem aus Shore die Kettenreaktionen der Moderne nachzeichnet. Was zählt, ist nicht die Hand, sondern die Entscheidung. Dass diese Frage bis heute nicht erledigt ist, macht Blow Up! nebenbei deutlich.

Rossetti übersetzt Warhols Bildsprache mit trockenem Witz: Nach dem Attentat liegt er 32-mal in verschiedenen Farben am Boden – alle Panels identisch komponiert, jedes anders eingefärbt, ganz wie seine Siebdrucke. Die Suppendose aus dem Supermarkt als direkte Antwort auf Duchamps Urinal aus dem Baumarkt – Shore zieht diese Linie knapp und treffend.

Noch stärker gelingt die Darstellung von Yayoi Kusama – und Shore leistet dabei, was viele Überblicksdarstellungen versäumen: Er zeigt sie nicht nur als Meisterin der Punkt-Ästhetik, sondern als politische Akteurin. Der Anatomic Explosion vor der New Yorker Börse 1968, bei dem sie nackte Tänzerinnen und Tänzer mit Punkten bemalte und gegen die Kriegsfinanzierung durch die Wall Street protestierte, bekommt hier den Raum, der ihm zusteht. Kusama war eben nicht nur Punkt und Unendlichkeit, sondern Körper, Protest und Provokation – und das Comicformat lässt diese performative Energie spürbar werden.

Für Einsteiger ist das Buch ein idealer Crashkurs. Für Kundige bleibt es kurzweilig, weil Shores Blick selektiv und eigensinnig ist. Grenzen zeigen sich dort, wo Verdichtung auf Kosten der Tiefe geht – einzelne Positionen werden gestreift, aber nicht wirklich aufgemacht. Das liegt in der Natur des Formats und mindert den Lesegenuss kaum.

 

Buch-Details
Autor: Robert Shore (Text), Eva Rossetti (Illustration) Verlag: C.H. Beck Erscheinungsjahr: 2025

ISBN: 978-3-406-83224-6 Umfang: 232 Seiten, Hardcover, farbig
Bestelllink: C.H. Beck

 

 

 

 

 


Berge von Kunst.  20 überraschende Orte internationaler Kunst in den Alpen

Dieses Buch beschreibt eine Idee, die auch Art Alps Review antreibt: Gegenwartskunst nicht im klimatisierten Galerieraum zu betrachten, sondern dort, wo Wege steiler werden, das Gelände rauer ist und die Luft dünner.

 

Ute Watzl folgt dieser Spur konsequent. Mit ihrem 2022 im Zürcher AS Verlag erschienenen Bildband legt sie eine ebenso anschauliche wie überzeugende Bestandsaufnahme vor – zugleich Reiseführer, Essay und leidenschaftliches Plädoyer für Kunst im alpinen Raum.

 

Zwanzig Kunstorte in den Alpen stehen im Mittelpunkt, verteilt über die Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien. Dazu gehören etwa das Muzeum Susch im Engadin, das in die Strukturen eines historischen Klosterkomplexes hineingearbeitet wurde, Arte Sella im Trentiner Val Sella, wo Natur selbst zum Material und Mitautor der Werke wird, oder SMACH in Südtirol, das die Bergwelt als weitläufigen Ausstellungsraum unter freiem Himmel begreift.

 

Watzl interessiert nicht nur für das kuratorische Programm einzelner Institutionen als die körperliche Erfahrung des Ortes: das Zusammentreffen von Kunstwerk und Landschaft, von Stille und Irritation, von Weite und Konzentration. Dass jeder der zwanzig Orte mit einem konkreten Wegbeschrieb erschlossen wird, ist kein touristisches Detail, sondern Teil des Konzepts. Kunst, die man sich erwandert, verändert den Blick – und bleibt anders im Gedächtnis.

 

So entsteht ein Buch, das mehr ist als ein Bildband. Es wirkt wie ein Kompass für ein Publikum, das den White Cube gelegentlich gegen Bergpanorama, frische Luft und überraschende Entdeckungen eintauschen möchte.  


ARTALPS Empfehlung.

 

Buch-Details
Autorin: Ute Watzl 

Verlag: AS Verlag, Zürich Erscheinungsjahr: 2022

ISBN: 978-3-03913-023-8 Umfang: ca. 220 Seiten, Hardcover
Bestelllink: AS Verlag

 

 

 

 

 


Where the World is Melting
Ragnar Axelsson

Manche Fotobücher dokumentieren einen Ort. Ragnar Axelssons Where the World is Melting dokumentiert dessen Verschwinden.

Seit über vier Jahrzehnten reist der isländische Fotograf, kurz RAX genannt, in die entlegensten Regionen Grönlands, Islands und Sibiriens. Der bei Kehrer Verlag erschienene Bildband versammelt seine wichtigsten Werkgruppen, darunter Faces of the North, Glacier und Last Days of the Arctic, ergänzt um eine bislang unveröffentlichte Serie.

In schwarzweißen, oft bei extremer Kälte entstandenen Aufnahmen fängt Axelsson die elementare menschliche Erfahrung am Rand der bewohnbaren Welt ein. Jäger, Schlittenhundeführer, Fischerfamilien und Rentierhirten treten dabei nicht als exotisches Sujet auf, sondern als Zeugen einer Lebensweise, die sich unter dem Druck des Klimawandels unwiderruflich verändert.

Herausgeberin und Ko-Autorin ist Isabel Siben, Direktorin und Kuratorin des Kunstfoyers der Versicherungskammer Kulturstiftung in München, wo die zugehörige Ausstellung erstmals 2021 gezeigt wurde. Der Band versteht sich damit auch als Werkschau: ein erster persönlicher Rückblick auf ein Lebenswerk, das, wie Axelsson selbst betont, noch nicht abgeschlossen ist.

Was das Buch besonders macht, ist die Verbindung von dokumentarischer Schärfe und stiller Zuneigung. Die Bilder wirken nie voyeuristisch, sondern entstehen aus jahrzehntelangem Vertrauen, etwa zu dem grönländischen Jäger Hjelmer Hammeken, der Axelsson seit den neunziger Jahren begleitet und in vielen Aufnahmen präsent ist.

Ein eindringliches Zeugnis, wie Fotografie Klimawandel nicht als Statistik, sondern als gelebte Erfahrung sichtbar machen kann.

 

Buch-Details
Autor: Ragnar Axelsson, Texte: Isabel Siben
Verlag: Kehrer Verlag, Heidelberg
Erscheinungsjahr: 2022, aktuelle 4. Auflage, Januar 2026
ISBN: 978-3-96900-064-9
Umfang: 224 Seiten, Hardcover, Deutsch/Englisch
Bestelllink: Kehrer Verlag

 

 

 

 

 

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