Kunst im Sommer: Eine Reise ins Bergell
Biennale Bregaglia 2026 – Transito
Wer aus dem Oberengadin kommend Richtung Süden fährt, durchquert zunächst eine ganz andere Welt. Der Silvaplanersee liegt türkis und glitzernd zwischen den Bergen, Segel und Kites tanzen im verlässlichen Malojawind, das Ufer ist Bühne für Sommerfreizeit und Bewegung im wörtlichsten Sinn. Kaum ist der Malojapass erreicht, kippt die Szenerie. Die Strasse fällt in engen Kehren ab, die Vegetation wird dichter, das Licht weicher. Was folgt, ist eine der eigenwilligsten Landschaften der Schweiz: das Bergell, ein schmales, steiles Tal, in dem sich Granitwände und Kastanienhaine, alte Steindörfer und lichte Blumenwiesen dicht aneinanderdrängen.
Das Bergell ist kein neutraler Ausstellungsraum. Es ist ein enges Durchgangstal, seit Jahrhunderten Handels- und Schmuggelroute zwischen der Schweiz und Italien, geprägt von Schichten aus Geschichte, Dialekt und Landschaft. Genau darin liegt die Stimmigkeit des diesjährigen Mottos Transito: Durchgang, Austausch, Verwandlung, als Beschreibung eines Ortes, nicht als aufgesetztes Thema.
Die vierte Ausgabe der Biennale Bregaglia, kuratiert von Anna Radaelli aus Tirano, dehnt sich erstmals über das gesamte Tal aus, von Maloja bis Castasegna. Elf künstlerische Positionen bespielen Dörfer, Aussenräume und historische Orte entlang der Talroute: Simone Berti, Umberto Cavenago, DEM alias Marco Barbieri, Al Fadhil, Haruka Fujita, Pietro Pirelli, Celia und Nathalie Sidler, Kathrin Siegrist, Helena von Beust und Dominik Zehnder. Die Spannweite reicht von Lichtkunst und partizipativer Performance über Skulptur bis zu Wandmalerei und ortsspezifischen Interventionen, ein Programm, das die Vielstimmigkeit des Tals ernst nimmt, statt sie zu glätten. Besonders bemerkenswert: Cavenagos begehbares Werk Souvenir di montagna bleibt über die Biennale hinaus bestehen und wird dauerhaft in Maloja installiert, ein Findling als Spiel- und Rückzugsraum, der Kunst, Landschaft und Zeit zusammenführt.
Der beste Einstieg in den Parcours beginnt in Maloja selbst. Vom Passdorf führt der alte Römerweg, der Malögin, zum Turm Belvedere, wo eine Arbeit von Kathrin Siegrist wartet, und weiter über die aussergewöhnlichen Gletschermühlen zurück ins Dorf, eine kurze Wanderung, die geologische Zeit und zeitgenössische Kunst nebeneinanderstellt. Unterhalb der Passstufe liegt bei Casaccia die spätgotische Ruine der Kirche San Gaudenzio, offen zum Himmel, ein Ort eindrücklicher Zeitlosigkeit, der auch ohne Kunst schon Bedeutung trägt und hier eine weitere Position beherbergt. Weiter talwärts, in Borgonovo, lohnt der Besuch der Chiesa San Giorgio, wo Alberto Giacomettis Grab liegt, ein stiller Verweis auf die künstlerische Herkunft des Tals, die weit über die Biennale hinausreicht.
Wer nach Kunst und Wanderung einkehren möchte, findet in Coltura bei Stampa das La Stala Bistro d'Arte, einen behutsam umgebauten Bergeller Stall, der Galerie und Gaststube verbindet. Auf den Tisch, auch im vorgelagerten, wunderschönen Garten, kommen lokale Spezialitäten, unprätentiös serviert, fast wie bei Freunden am Tisch. Geöffnet ist von Juni bis Mitte Oktober, Mittwoch bis Sonntag.
Kritisch anzumerken bleibt: Ein Tal von der Grösse und Abgeschiedenheit des Bergells stösst bei wachsendem Besucherinteresse rasch an seine Kapazitätsgrenzen, infrastrukturell wie atmosphärisch. Die diesjährige Ausdehnung über den gesamten Talverlauf verteilt diesen Druck zwar auf mehr Orte, verlangt den Besuchenden aber auch mehr Zeit und Bereitschaft zur Weite ab, ein Gegenentwurf zur kompakten Kunstschau, der sich auszahlt, wenn man sich darauf einlässt.
Wer noch weiterfahren möchte, erreicht knapp jenseits der Grenze Chiavenna, einen wunderbar romantischen Talort inmitten hoher Berge, mit engen Gassen und einer erstaunlichen Dichte an Restaurants, ein stimmiger Abschluss der Reise durch dieses Tal der Übergänge.
Ort: Val Bregaglia, Graubünden, CH
Termin: 7.6. bis 27.9.2026
Link: biennale-bregaglia.ch
Maps: artplaces
report: pedro
tags: Kunst, Licht, Outdoor, Bergell, Schweiz
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