Hilmar af Klint Paris

Hilma af Klint im Grand Palais, Paris

Pionierin der Malerei 

Es gibt Künstlerinnen, die ihrer Zeit nicht voraus sind. Die schlicht in einer anderen Zeit leben, während die Welt um sie herum noch nicht weiß, wohin sie schaut. Hilma af Klint war eine von ihnen.

Die 1862 in Stockholm geborene Schwedin malte Bilder, die heute wie selbstverständlich zur Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts gehören: großformatige Abstraktionen, kühne Farbfelder, organische Spiralen und geometrische Kompositionen von atemberaubender Freiheit. Sie malte sie ab 1906. Kandinsky gilt gemeinhin als Pionier der abstrakten Malerei, Malevich als Erfinder des Suprematismus. Af Klint war früher. Aber sie war eine Frau, sie arbeitete in Stockholm statt in München oder Moskau, und sie hielt ihre abstrakten Werke bewusst verborgen. Sie verfügte, dass sie erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden durften. Es dauerte dann noch länger: Erst 1986, bei einer Ausstellung über das Spirituelle in der Kunst in Los Angeles, betrat ihr Werk den öffentlichen Raum.

Das Grand Palais zeigt nun, gemeinsam mit dem Centre Pompidou, ihre erste Monografieausstellung in Frankreich. Im Zentrum steht das Hauptwerk: die Paintings for the Temple, entstanden zwischen 1906 und 1915, darunter die monumentale Serie The Ten Largest. Wer diese Bilder zum ersten Mal sieht, hält inne. Die Farben sind von einer Direktheit, die nicht nach historischem Dokument aussieht. Ein leuchtendes Rosa neben tiefem Blau, Gelb als warme Achse, Formen, die zwischen Zelle und Kosmos schweben. Man sucht nach Referenzen und findet keine, die älter wären als die Bilder selbst.

Af Klint führte, wie die Ausstellung zeigt, ein doppeltes künstlerisches Leben. Nach außen hin war sie eine solide ausgebildete Malerin, die an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Stockholm studiert hatte und figurative Auftragsarbeiten fertigte. Im Verborgenen entwickelte sie, angeregt durch Theosophie, Anthroposophie und naturwissenschaftliche Lektüre, ein radikal eigenständiges Bildprogramm. Spiralen, Kreise, Strahlen, Schriften — ein System, das kosmische Kräfte und biologische Prozesse in Farbe übersetzte. Weder dekorativ noch illustrativ, sondern forschend.

Was die Ausstellung über das Werk hinaus sichtbar macht, ist eine strukturelle Ungerechtigkeit. Af Klint wurde nicht vergessen, weil ihre Kunst schwach war. Sie blieb unsichtbar, weil die Institutionen, die über Sichtbarkeit entschieden, für Frauen in dieser Position schlicht keinen Platz vorsahen. Dass sie selbst zur Geheimhaltung beitrug, mag paradox wirken, verweist aber auch auf eine bittere Klugheit: Sie kannte die Bedingungen ihrer Zeit genau. Ihre Bilder sollte eine andere Zeit empfangen.

Diese Zeit ist jetzt. Und sie kommt nicht zu spät — sie kommt mit Fragen. Was haben wir übersehen? Welche Bildsprachen, welche Stimmen, welche Werke liegen noch in Nachlässen, in Magazinen, in Archiven, die nie den Weg in die Museen gefunden haben, weil jemand entschieden hatte, dass sie dort nicht hingehörten? Af Klints Wiederentdeckung ist kein abgeschlossener Vorgang. Sie ist ein Anfang.

Das Grand Palais gibt ihr den Raum, den ihre Bilder brauchen: hohe Galerien, viel Abstand, Licht, das die Farben atmen lässt. Es ist eine Ausstellung, bei der man langsam wird. Und das ist genau richtig.

Ort: Grand Palais, Paris, Frankreich
Laufzeit: 6. Mai bis 30. August 2026
Link: grandpalais.fr
Map: artplaces

// report: ceha 
    tags: Malerei, Abstraktion, Avantgarde, Kunstgeschichte, Feminismus, Gegenwartskunst
    image rights: artalpsreview

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