Origen bringt den Sommer zum Tanzen
Sommerfestival von 23.7.-9.8.2026, Riom und Julierpass
Wer durch das Val Surses Richtung Julierpass fährt, dem fällt unweigerlich die markante Burg Riom ins Auge, die leicht unterhalb des Dorfes auf einem Felssporn thront. Dennoch fahren die meisten vorbei. Zu Unrecht. Denn es lohnt sich, hier Halt zu machen.
Das kleine rätoromanische Dorf, seit der Gemeindefusion 2016 Teil der Gemeinde Surses, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem der ungewöhnlichsten Theaterorte der Alpen entwickelt. Die mittelalterliche Burg, dunkel und schlicht in ihrer Erscheinung, ist dabei weit mehr als ein historisches Bauwerk. Wenige Fensteröffnungen prägen ihre Fassade, während der Aufführungen bleiben sie verschlossen, außen führt eine schlichte Rohstahltreppe hinauf. Im Inneren entsteht ein karger, zugleich eindrucksvoller Theaterraum, der den Tänzerinnen und Tänzern und ihrem Publikum außergewöhnlich nahekommt.
Seit 2006 ist Riom Sitz des Origen Festival Cultural, das der Bündner Theatermacher Giovanni Netzer gegründet hat und seither als Intendant prägt. Was als kulturelle Initiative begann, ist längst zu einem Motor der regionalen Entwicklung geworden. Historische Bauten werden bespielt, neue Spielstätten geschaffen und Orte, die lange dem Verfall preisgegeben waren, erhalten durch Kunst eine neue Bedeutung.
Vom 23. Juli bis 9. August 2026 widmet sich Origen im Sommerfestival unter dem Titel Roma dem Erbe der Antike. Acht junge Choreografinnen und Choreografen aus aller Welt greifen historische Figuren, Mythen und Stoffe des antiken Rom auf und befragen sie aus heutiger Perspektive – von Macht und Aufbruch über Krieg und Erinnerung bis hin zu Liebe, Verlust und Verführung.
Neben der Burg bespielt Origen auch die Clavadeira, einen ehemaligen Heuschober, der zu einer modernen Tanzbühne umgebaut wurde. Stufenförmige Ränge bringen das Publikum bis auf wenige Meter an die Tänzerinnen und Tänzer heran, Tageslicht fällt durch die Holzfassade und schafft eine besondere Atmosphäre. Weitere Aufführungen finden in Mulegns und auf dem Julierpass statt. Der spektakulärste Schauplatz ist jedoch Hannibals Zelt auf 2284 Metern Höhe. Der temporäre Holzbau aus heimischem Holz öffnet sich zur Passlandschaft und macht die Berge selbst zum Bühnenbild.
Den Auftakt in Riom bildeten zwei Uraufführungen an einem Tag. In der Burg zeigte Lucas Valente mit Panem et Circenses drei Frauen, die das Kochen zur hohen Kunst erheben. Sie kneten, rollen, Teig, machen Pasta und verwandeln alltägliche Bewegungen in hochpräzise Choreografien. Zwischen Ritual, Handwerk und Performance entsteht eine poetische Auseinandersetzung mit Gemeinschaft, Erinnerung und der Frage, welche Traditionen wir aus der Vergangenheit weitertragen. Der Titel verweist auf das römische Prinzip von „Brot und Spielen“, doch Valente interessiert weniger politische Satire als die sinnliche Kraft gemeinschaftlicher Rituale. Bei atemberaubendem Tempo demonstrieren die drei Tänzerinnen eine Körperbeherrschung, die verblüfft. In der vorangehenden Einführung sagte Valente, es sei ein Privileg, mit Künstlerinnen arbeiten zu dürfen, die jahrzehntelang an genau dieser Körpersprache gefeilt hätten. Die Nähe zwischen Publikum und Bühne macht das Zuschauen beinahe zu einer körperlichen Erfahrung. Das Ende sei hier nicht verraten, aber es war ganz unser Geschmack.
Im zweiten Stück des Abends interpretierte Sébastien Bertaud gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzerinnen des Ballets der Pariser Oper Purcells Dido and Aeneas neu. Die Liebesgeschichte zwischen der karthagischen Königin Dido und dem trojanischen Helden Aeneas wird zu einer eindringlichen Studie über Liebe, Pflicht und Abschied. Klassische Ballettsprache verbindet sich mit zeitgenössischer Bewegung, große Emotionen entstehen aus kleinen Gesten. Gerade im intimen Raum der Burg entfaltet das Stück eine beeindruckende Intensität. Der starke Applaus am Ende war mehr als verdient.
Am nächsten Tag ging es mit dem Bus hinauf auf den Julierpasse zu Hannibals Zelt. Die Luft ist dort spürbar dünner und kühler als im Tal, ein Vorgeschmack auf das, was folgt. Ein riesiges Holzzelt nimmt die Besucher auf. Wer eintritt, blickt zunächst durch die geöffnete Stirnseite hinaus in die Berglandschaft. Man geht umher, sucht Perspektiven, vergleicht Architektur und Natur miteinander. Dann, in warme Kleidung gehüllt und unter bereitgestellten Decken, nehmen rund zweihundert Besucher auf den Holzstufen Platz – die Vorstellung ist ausverkauft.
Am Horizont erscheinen zunächst nur kleine Gestalten, langsam und kaum wahrnehmbar. Dann tritt Hannibal auf, ein Mann von hünenhafter Statur, gehüllt in einen grob gewirkten, silbrig schimmernden Mantel. Überhaupt sind die Kostüme, für die Origen erneut auf den langjährigen Designer Martin Leuthold setzt, von großer Wirkung
Netzer erzählt keine historische Rekonstruktion des Alpenfeldzugs, sondern entwickelt aus dem historischen Stoff eine eigenständige Geschichte. Im Mittelpunkt steht Hannibals Sohn, nachdenklich und weit weniger vom Krieg geprägt als sein Vater. Auf dem Julierpass verliebt er sich in eine junge Frau aus dem Tal. Doch die Begegnung zwischen den Einheimischen und dem karthagischen Heer steht unter keinem guten Stern. Misstrauen schlägt in Gewalt um, die Fronten verhärten sich, und die Liebe der beiden hat keine Zukunft. Am Ende fallen sie den Kämpfen zum Opfer. Während Hannibal seinen Feldzug fortsetzt und weiter nach Süden zieht, bleiben auf dem Pass Trauer und Verwüstung zurück. Das Stück erzählt damit weniger von militärischen Triumphen als von den menschlichen Opfern eines Krieges, dessen Folgen vor allem jene tragen, die ihm schutzlos ausgeliefert sind.
Besonders eindringlich bleibt die Szene, in der die Dorfbewohner den Leichnam der jungen Frau mit Lichtern in die Dunkelheit hinaustragen. Mit der einbrechenden Nacht und der Weite der Passlandschaft entsteht ein Bild von großer Schönheit und Traurigkeit zugleich.
Giovanni Netzer hat erneut bewiesen, wie eindrucksvoll sich Landschaft und Theater verbinden lassen. Zwar hätte das Stück an manchen Stellen etwas mehr Ruhe vertragen – die Mischung aus Tanz und Kampf wirkt actionreich –, doch die emotionale Kraft der Inszenierung bleibt ungebrochen.
Mit den bereitgestellten Bussen geht es zurück ins Tal, erfüllt von einem Theatererlebnis, das weit über den Abend hinaus nachwirkt.
Origen bleibt, was es seit Jahren ist: ein Festival, das Theater nicht in geschlossene Räume verbannt, sondern die Alpen selbst zur Bühne macht.
Unsere Tipps für den Aufenthalt in Riom:
Naturerlebnis: Oberhalb des Dorfes verläuft der Wanderweg ViaSett, auf dem man in rund einer Stunde zum Weiler Salaschigns mit seiner hübschen Kapelle aus dem 15. Jahrhundert aufsteigt. Die Kapelle beeindruckt mit einer schönen Kassettendecke und einem Kreuzgratgewölbe. Von hier eröffnet sich ein wunderbarer 270-Grad-Blick auf die Bergwelt des Surses.
Genuss: Zur Kaffeejause empfiehlt sich das Café Carisch in der Villa Carisch – mit wunderbaren Kuchen und einem romatischen Garten am Brunnen, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Caprese-Torte mit Limone ist dabei fast schon ein Gedicht für sich. Hier kann man auch nächtigen.
Kulinarik: Abends lockt dann die Ustareia Taratsch in Riom, ein gemütliches Lokal mit großartigen Capuns und Lammgerichten. Wer zwischen den Aufführungen dort einkehren möchte, ist allerdings gut beraten, rechtzeitig einen Tisch zu reservieren.
Orte: Burg Riom, Villa Carisch und Julierpass, Surses, Graubünden, Schweiz
Termin: Origen Sommerfestival roma, 23. Juli bis 9. August 2026
Link: origen.ch
Map: artplaces
// report: ceha and pedro
tags: Tanztheater, Freilichtbühne, Alpenraum, Rätoromanisch, Surses, Riom, Graubünden
image rights: Stefan Kaiser, Origen, 2026
Hinweis: Origen hat für diese Recherche Unterkunft und Eintritte zur Verfügung gestellt.









