Naoshima und Setouchi – Kunst als Motor für die Peripherie

Ein Fallbeispiel für das Projekt „Kunst am Rand"

Wenn man nach Vorbildern dafür sucht, wie zeitgenössische Kunst eine abgelegene, wirtschaftlich unter Druck stehende Region verändern kann, führt kaum ein Weg an einer kleinen japanischen Insel vorbei: Naoshima im Seto-Binnenmeer. Was dort seit den späten 1980er-Jahren entstanden ist, gilt heute weltweit als Referenzmodell für kulturgetriebene Regionalentwicklung.

Eine Insel im Niedergang

Naoshima war lange von Fischerei und Industrie geprägt. Seit 1917 betrieb Mitsubishi dort eine Kupferhütte, die der Insel über Jahrzehnte hinweg Arbeit, aber auch massive Umweltbelastungen brachte. Wie viele ländliche Regionen Japans verlor Naoshima seit der Nachkriegszeit kontinuierlich an Bevölkerung: Lebten in den 1950er- und 1960er-Jahren noch rund 8.000 Menschen auf der Insel, waren es Mitte der 2010er-Jahre nur noch etwas über 3.000 – ein Rückgang, der sich mit der Zählung von 2020 (3.026 Einwohner) bestätigt. Automatisierung in der Metallverarbeitung, Abwanderung junger Menschen in die Städte und die allgemeine demografische Entwicklung Japans trafen die Insel besonders hart.

Der lange Atem eines privaten Mäzens

Die Wende begann nicht mit einem großen Wurf, sondern mit einem Campingplatz. 1989 eröffnete am Südzipfel der Insel das „Naoshima International Camp", von Tadao Ando architektonisch betreut – mit mongolischen Jurten und einer Skulptur des niederländischen Künstlers Karel Appel. Dahinter stand der Verleger Soichiro Fukutake, der die Idee seines Vaters weiterverfolgte, auf Naoshima einen Ort für Bildung und Kultur zu schaffen. Bereits 1987 hatte Benesse begonnen, Land auf der Insel zu erwerben.

1992 folgte der eigentliche Grundstein: das von Ando entworfene Benesse House, das Kunstmuseum und Hotel in einem Gebäude vereint. Von dort aus wuchs, was heute als Benesse Art Site Naoshima firmiert, in überschaubaren, aber konsequenten Schritten weiter: 1998 startete das Art House Project, bei dem leerstehende traditionelle Häuser im Dorf Honmura zu begehbaren Kunstwerken wurden. 2004 eröffnete das unterirdisch angelegte Chichu Art Museum, das Werke von James Turrell, Walter De Maria und Claude Monet unter ausschließlich natürlichem Licht zeigt. 2010 kam das Lee-Ufan-Museum hinzu, im Mai 2025 schließlich das Naoshima New Museum of Art – Andos zehntes Bauwerk für das Projekt, gewidmet zeitgenössischer Kunst aus Japan und Asien. Innerhalb der ersten fünf Monate zählte das neue Haus bereits über 100.000 Besucherinnen und Besucher.

Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Museum als der Zeithorizont: eine über mehr als 35 Jahre gewachsene kulturelle Infrastruktur, finanziert von einer einzigen Unternehmerfamilie und der ihr verbundenen Fukutake Foundation.

Vom Einzelprojekt zum Inselnetzwerk

Der eigentliche Sprung gelang, als sich das Naoshima-Prinzip auf Nachbarinseln übertrug. Teshima und Inujima wurden mit eigenen Museen, Kunstinstallationen und Interventionen in ehemaligen Industrieanlagen zu weiteren Kunststandorten. 2010 fand erstmals die Setouchi Triennale statt, ein Festival, das inzwischen ein Dutzend Inseln und zwei Hafenstädte miteinander verbindet. Die Besucherzahlen sprechen für sich: 2010 kamen rund 930.000 Menschen, 2016 knapp eine Million, 2019 wurde mit etwa 1,17 Millionen Besuchen ein Rekord erreicht – das größte Kunstfestival Asiens.

Aus einem einzelnen Leuchtturmprojekt ist damit ein regionales Ökosystem geworden: Naoshima als Labor, die Nachbarinseln als Erweiterung, die Triennale als verbindende Klammer, die aus mehreren Kunstinseln eine international sichtbare Destination macht.

Was das Modell interessant – und ambivalent – macht

Der Kunstbetrieb wird hier nicht als nachträgliche Dekoration verstanden, sondern als Infrastruktur: Wer die Museen besuchen will, braucht Fähren, Unterkünfte, Restaurants, Fahrräder. Rund um die einstigen Kunstprojekte in Honmura entstanden binnen weniger Jahre Dutzende Cafés und Pensionen, wo zuvor kaum touristische Angebote existierten.

Gleichzeitig zeigt gerade Naoshima die Grenzen eines solchen Modells auf. Die Einwohnerzahl der Insel ist trotz internationaler Aufmerksamkeit weiter gesunken – Kunst hat den demografischen Rückgang verlangsamt, aber nicht umgekehrt. Hinzu kommen Fragen, die auch in der Fachliteratur zur Setouchi Triennale diskutiert werden: wie stark eine Region von einer einzigen privaten Stiftung abhängig sein sollte, wie sich Tourismusdruck auf kleine Dorfgemeinschaften auswirkt und wessen Interessen – die der Bewohner oder die eines internationalen Publikums – bei der touristischen Inszenierung lokaler Kultur letztlich Vorrang haben.

Tags: Naoshima, Setouchi, Benesse Art Site, Tadao Ando, Fukutake Foundation, Kunst am Rand, Regionalentwicklung, Japan, Zeitgenössische Kunst, Kunstinsel, Kunst & Architektur, Peripherie, Kunsttourismus

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