Peter Zumthor öffnet sein Ensemble: Die Erweiterung der Fondation Beyeler
Ab dem 26. September 2026 wird sichtbar, worauf die internationale Kunstwelt seit fast einem Jahrzehnt wartet: Die Fondation Beyeler öffnet ihr erweitertes Ensemble in einer ersten, sorgfältig dosierten Preview-Phase für das Publikum. Bis zum 14. Januar 2027 sind Öffnungstage und Tickets noch begrenzt, ab dem 15. Januar 2027 steht dann das gesamte neue Ensemble täglich offen. Entworfen hat die Neubauten Peter Zumthor – jener Schweizer Architekt, dessen Name längst zum Synonym für eine bestimmte Haltung im Bauen geworden ist: langsam, materialbewusst, ortsgebunden.
Drei Häuser statt eines grossen Baus
Aus einem Studienauftrag mit elf internationalen Architekturbüros wählte die Jury 2016 einstimmig den Entwurf des Ateliers Peter Zumthor. Statt eines einzelnen Grossbaus schlug der Basler Architekt drei kleinere, in Funktion, Form und Materialität unterschiedliche Häuser vor, die sich sensibel in Park und Umgebung einfügen.
Das Wyss Museum – benannt nach Hansjörg Wyss, Präsident der Beyeler-Stiftung und Hauptförderer des Neubaus – bildet das Herzstück der Erweiterung: Auf drei Etagen erweitert es die Ausstellungsfläche um rund 1'500 Quadratmeter. Sein Y-förmiger Grundriss formiert sich um einen alten Ginkgo, einen Mammutbaum und eine Platanengruppe, sodass das Gebäude buchstäblich um den vorhandenen Baumbestand herum entworfen wurde. Architektonisch nimmt der Bau Bezug auf die Felsformationen der Juraregion, die aus den Wäldern herausragen; grossformatige Fenster öffnen bei klarer Sicht Ausblicke bis in den Schwarzwald und den Jura, eine Terrasse im zweiten Obergeschoss führt über eine Aussentreppe direkt in den Park. Materiell dominiert der im nahen Laufental gewonnene Jurakalkstein – als massiver Naturstein bei Bänken und Treppen, als Zuschlag in der gestampften Fassade, als Terrazzoboden, als Einstreu in der Decke und als mineralisierter Feinputz an den Ausstellungswänden. Der Stampfbeton der Fassade erhält dadurch einen warmen, gelblichen Farbton.
Als Schnittstelle zwischen den Museumsbauten und den historischen Gebäuden fungiert der Ammann Pavillon: ein ebenerdiger, offener Bau aus Glas und Eichenholz, dessen Kirsch- und Birnbaumholz dem Innenraum eine warme Ausstrahlung verleiht, während geschosshohe Glasfronten den Blick panoramaartig über Park sowie historische und moderne Bauten schweifen lassen. Bei freiem Eintritt dient er tagsüber als offene Public Lounge, abends als Veranstaltungsraum für bis zu 250 Personen – akustisch ausgelegt für Konzerte, Performances, Gespräche und Filmvorführungen, unabhängig vom eigentlichen Museumsbetrieb.
Das Erlen Torhaus schliesslich übernimmt, an der Grenze zum Naturschutzgebiet Lange Erlen gelegen, eine klassische Torfunktion zwischen Stadtraum und Natur: Im Erdgeschoss werden Kunsttransporte angeliefert, im Untergeschoss für Ausstellungen vorbereitet, in den oberen Etagen liegen Arbeitsplätze. Die Holzskelettfassade aus lasierter Eiche erinnert nicht zufällig an Zumthors eigenes Atelier in Haldenstein bei Chur.
Der Park verdoppelt sich
Mit der Erweiterung wächst auch die Parkfläche der Fondation Beyeler um fast 10'000 Quadratmeter – nahezu eine Verdoppelung. Der bislang private Erlengarten, im 19. Jahrhundert wie der bestehende Beyeler Park vom Landschaftsarchitekten Jean-François Caillat im Stil englischer Landschaftsgärten angelegt, wird nun öffentlich zugänglich. Wo der bestehende Park mit offenen Rasenflächen und weiten Ausblicken besticht, zeigt sich der Erlengarten wilder und verwunschener: artenreiche Wildblumenwiesen, waldähnliche Bereiche, eine heimische Orchideenart sowie Insekten-, Vogel- und Fledermausarten prägen sein Bild, geschützte Flechten an historischen Mauern ergänzen das ökologische Spektrum. Für die Restaurierung zeichnet Vogt Landschaftsarchitekten verantwortlich. Eine filigrane, ebenfalls von Zumthor entworfene Brücke führt über einen Teich und zitiert bewusst Claude Monets Garten in Giverny.
Auch die Kunst im Park wächst mit: Zu bestehenden Werken von Alexander Calder, Jenny Holzer, Ellsworth Kelly, Philippe Parreno, Thomas Schütte und Fischli/Weiss treten neue Arbeiten von Louise Bourgeois, Pierre Huyghe, Rachel Whiteread und Fujiko Nakaya, im Frühling ergänzt durch einen eigens angelegten Garten von Fischli/Weiss.
Historische Bauten mit neuer Bestimmung
Neben den drei Zumthor-Bauten erhalten auch denkmalgeschützte Gebäude neue Funktionen. Die Orangerie, von der Architektin und Interior Designerin India Mahdavi umgestaltet, vereint ein kleines Gewächshaus mit einem Shop für Pflanzenliebhaber:innen; bepflanzt wird sie in Zusammenarbeit mit Schweizer botanischen Gärten und Forschungseinrichtungen – mit Blick auch auf Pflanzen, die unter veränderten klimatischen Bedingungen künftig eine grössere Rolle spielen könnten. Das Ammann Atelier bietet mit zwei Studios Platz für bis zu 50 Teilnehmende an Kunstvermittlungsprogrammen; im Eröffnungsjahr lädt jedes Wochenende ein kostenloses „Open Studio" zum Mitgestalten ein. Der neue Salon widmet sich der Musik: Herzstück ist eine Sammlung von über 2'000 Vinylplatten – von Barock über Jazz bis Elektronik –, wiedergegeben über ein eigens von der Audio-Technik-Manufaktur TEILE (Rampa) entwickeltes High-End-Soundsystem. Das kleinste, aber eigenständigste Gebäude ist das Folly: eine säulenartige Miniaturarchitektur, die an einen antiken Musentempel erinnert und Künstler:innen auf kleinster Fläche maximale gestalterische Freiheit bietet.
120 Millionen Franken, zehn Jahre, private Hand
Von den ersten Plänen bis zur Fertigstellung vergingen rund zehn Jahre. Die gesamten 120 Millionen Franken für Landkauf, Bau und die ersten Betriebsjahre stammen vollständig aus privaten Mitteln – allen voran der Wyss Foundation und der Beyeler-Stiftung selbst, ergänzt durch Stephan Schmidheinys Daros Collection, die Stiftung der Familie Ammann, das langjährige Engagement von Christoph M. und Sibylla M. Müller für Park und Restaurierung sowie Beiträge der Ernst Göhner Stiftung und der Don Quixote Foundation.
Ein Jahr der Eröffnungen
Statt eines einzelnen Eröffnungstermins plant die Fondation Beyeler ein ganzes Eröffnungsjahr. Den Rahmen bildet die grosse Ausstellung „Constellations" (26. September 2026 – 5. September 2027), die erstmals das gesamte Ensemble bespielt: Über 200 Werke aus der eigenen Sammlung und bedeutenden Privatsammlungen treten in wechselnde Beziehung zu den beiden Museumsbauten, dem erweiterten Park und den historischen Gebäuden und verändern sich mit den Jahreszeiten. Parallel dazu laufen vier grosse Einzelausstellungen: Ruth Asawa (18. Oktober 2026 – 10. Januar 2027), Frida Kahlo (31. Januar – 17. Mai 2027), Louise Bourgeois (13. Juni – 17. Oktober 2027) und Elizabeth Peyton (ab 26. September 2027). Dazu kommen Konzerte, Performances, Künstler:innen- und Architekturgespräche, Filmvorführungen, botanische Formate und Workshops – die neuen Bauten sind von Beginn an als Bühne für ein erweitertes Kulturprogramm gedacht, nicht nur als zusätzliche Wandfläche.
Zumthor doppelt im Rampenlicht
Dass 2026 ein besonderes Zumthor-Jahr ist, zeigt sich auch andernorts: Erst im April öffneten seine David Geffen Galleries als Glas-Beton-Bau am LACMA in Los Angeles. Und Wim Wenders widmet dem Architekten ein eigenes Filmporträt: Seit 2021 diente die Fondation Beyeler als Drehort für seine 3D-Langzeitdokumentation über Zumthors Denken und Arbeiten, mit LACMA-Neubau und Beyeler-Erweiterung als Leitthemen; der Film feierte am 6. September 2026 unter dem Titel „From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor" bei den Filmfestspielen von Venedig Weltpremiere.
Für die Fondation Beyeler, die Zumthors Ensemble künftig neben dem historischen Museumsbau von Renzo Piano bespielt, entsteht damit ein seltener Dreiklang aus zwei Architektengenerationen, restaurierter Geschichte und einer neuen, öffentlich zugänglichen Parklandschaft – ein Projekt, das weit über die Kunstwelt hinaus Beachtung finden dürfte.
