Eine Entdeckungsreise: Finissage zur Ausstellung von Uta Belina Waeger zum Sechzigsten

Gastgeber des Abends war Galerist Erhard Witzel, der zur Finissage in seinen non-kommerziellen Kunstraum geladen hatte. Das Gespräch mit der Jubilarin führte ArtAlpsReview-Herausgeber Peter Jakubitz.

 

Peter Jakubitz Herzlich willkommen, Uta. Wir treffen einander hier bei der Finissage anlässlich deines sechzigsten Geburtstags mit dem Titel „Eine Entdeckungsreise". Und sie ist tatsächlich eine Entdeckungsreise. Was mir beim Betreten dieses Raums sofort auffällt, ist, dass hier nicht etwa eine durchgehende Retrospektive über sämtliche Schaffensperioden zu sehen ist, sondern ganz bewusst nur zwei Werkgruppen einander gegenübergestellt werden: auf der einen Seite die dreidimensionalen Objekte, entstanden in den letzten Monaten, und auf der anderen Seite die zweidimensionalen, malerisch-zeichnerischen, zum Teil sehr erotischen Arbeiten, die rund dreißig Jahre alt sind. Dazwischen liegt scheinbar nichts, und genau das macht diese Konstellation so spannend. Bei mir stellt sich daher die Frage: 

Wie ist dieser Weg von der Malerei zum Objekt verlaufen, und warum hast du dich bewusst für diese beiden Pole entschieden, ohne die Jahrzehnte dazwischen zu zeigen? Was waren die Stationen, und wie kam es dazu?

Uta Belina Waeger — Beim Nachdenken über den Sechzigsten wollte ich unbedingt meinen neuesten, eine Art Fetischobjekt-Zyklus zeigen, entstanden zwischen Oktober letzten Jahres und Mai dieses Jahres. Eine sehr dichte, aber produktive Zeit. Im September ’25 ist meine Mutter gestorben. Davor hatte ich nicht wirklich die Freiheit zu arbeiten, danach konnte ich mich vertiefen und bin regelrecht abgetaucht. Bei der Konzeptionierung der Ausstellung dachte ich: Diese neuen Arbeiten sind so anders … Außerdem ist eine Retrospektive mit 60 fehl am Platz, weil zu früh. Also holte ich Dinge aus der Schublade, die es zwar gibt, aber noch nicht gesehen wurden. Und ich stolperte über Werke, die allesamt etwa dreißig Jahre alt sind. So kam die Klammer: sechzig und dreißig, ganz bewusst ohne alles dazwischen.

„So kam die Klammer: sechzig und dreißig, ganz bewusst ohne alles dazwischen."

Die Hälfte des Raums, die zweidimensionalen Arbeiten inklusive der Leporellos, ist Mitte der Neunzigerjahre entstanden, die andere Hälfte jetzt, 2026. Was die Malerei angeht: Ich stehe eigentlich nicht (mehr) dafür, aber ja, im Studium durchschritt ich einen klassischen Weg fürs Lehramt in Kunst- und Werkerziehung: das hieß verschiedenste Techniken durchexerzieren, dazu mein geliebtes Aktzeichnen. Ich habe mich stark fürs Aquarell — dies inklusive dem schwersten, der Figurendarstellung — engagiert, später im Studium in Amerika bin ich größer und pastoser geworden: vom kleinen Aquarell zum ausladenden Acrylbild hin zu Reliefflächen aus natürlichen Farbagenten wie Teeblätter, Kaffeegranulat, Grafitpulver, Zinkweiß und letztlich Flugrost. Farbig im Sinne von bunter bin ich erst wieder mit meinen Stuhlobjekten ab 2013 geworden — und jetzt, in den neuen Wandobjekten, mit bewusstem Fokus auf Schwarz-Rot.

Peter — Was mir an beiden Werkgruppen auffällt, ist, wie beharrlich sich bestimmte Motive durchziehen, obwohl dreißig Jahre dazwischenliegen: Erotik, damit Körper und Verhüllen. Wie sehr findet sich dieses Thema in beiden Zeiträumen — und was hat sich über diese Distanz verändert?

Uta — Der erotische Inhalt ist vielleicht der Grund, warum ich dieses sehr persönliche Werk damals nicht zeigen wollte. Anmerkung am Rande: Ich wollte eigentlich Bub sein, alles machen, was mein älterer Bruder machte — Dachdecken, Klettern, Radfahren … Am liebsten wäre ich mit in die Wüste gefahren, aber da hieß es dann, sei nicht so günstig für mich als Mädchen. Ich war von Kind an Leistungssportlerin und habe mich in der Pubertät als Frau kaum entwickelt, ich war einfach unterentwickelt und habe darunter gelitten … Unter Jugendlichen wird so ein Zustand gnadenlos bewertet. Die Achtzigerjahre mit ihren kastenförmigen Kleidungsstücken kamen mir da fast entgegen, die machten ohnehin alles flach und breit. Danach mit über zwanzig musste ich eingestehen: Ich bin jetzt eine Frau. Ich habe mich still und heimlich mit meinem Körper beschäftigt, mittels Fotografie, Zeichnung … Spiegel … Die Arbeiten hier hinten im Raum ordne ich der Auseinandersetzung mit meinem Geschlecht zu, mit dem Männlichen und dem Weiblichen. Ich habe damals sogar überlegt, als Künstlerin nur mit „U." zu unterschreiben, damit man nicht erkennt, dass ich eine Frau bin. Ich war stolz, wenn Kollegen sagten, meine Arbeit sei nicht als weiblich erkennbar. Die allseits bekannten Eisenteile, die ich ver-häut-et habe, hatten eine zarte, sanfte Oberfläche, aber einen aggressiven Kern.
Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse kämpfen. Heute habe ich das Gefühl, ich spiele.

„Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse kämpfen. Heute habe ich das Gefühl, ich spiele."

Peter — Da muss ich gleich anknüpfen, denn ich habe dich ja auch außerhalb dieses Raums erlebt: Auf deinem sechzigsten Geburtstagsfest bist du auf den Tisch gesprungen und hast die Hand nach oben gereckt, wie in Richtung Zukunft. Die Kampfeslust scheint dir also nicht abhandengekommen zu sein, auch wenn du eben vom Spielen statt vom Kämpfen gesprochen hast.Besonders interessieren mich hier die Selbstporträts in der Mitte des Raums, ein ganz eigener, sehr persönlicher Werkblock. Wenn du heute darauf zurückschaust: Ist das etwas, mit dem du dich noch verbunden fühlst, oder erkennst du Veränderungen, vielleicht sogar eine andere Person in diesen Blättern?

Uta — Das Selbstporträt begleitet mich eigentlich seit der Jugend. Am Anfang wollte ich möglichst realistisch zeichnen, dann kamen die Befreiungsschläge. Hier diente mir das Porträt fast als Therapie. Ich war von achtzehn bis achtundzwanzig außerhalb Vorarlbergs, in Wien und mit Stipendien in New York. Dann kam ich zurück … man muss sich vorstellen: ich bin in der Welt herumgekommen und ziehe wieder ins Kinderzimmer meiner Eltern ein, das war schräg! Ich habe aus Überzeugung, die Welt verbessern zu wollen, unterrichtet und mir dann über zwei, drei Jahre ein Atelier aufgebaut; sogar gebaut, denn mein Vater ist Architekt, damit lag es nahe. Trotzdem ging es mir nicht gut. Ich hatte eine Depression, später einen Bandscheibenvorfall, darüber zu sprechen war damals ein No-Go. Die Zeichnung in meinem eigenen Atelier hat mich hinübergerettet.

„Die Zeichnung hat mich gerettet."

Ich bin nach getanem Unterrichten, nach bestem Funktionieren, ins Atelier gegangen, habe geheult, mich vor den Spiegel gesetzt, mich zwingend angeschaut und gezeichnet, jeden Tag, ein halbes Jahr lang. Und noch heute, in schwierigen Phasen, wenn z. B. die Rückenschmerzen wiederkommen, konfrontiere ich mich auf diese Weise mit mir selbst. Auch da sage ich mir: warum nicht? Nun zeige ich etwas, wofür ich bisher nicht gestanden bin, etwas, das mich verletzlich offenbart. Auch das gehört zum Leben.

Peter — Das führt mich direkt zu einer Frage, die mich schon länger beschäftigt, seit ich dich und dein Werk begleite. Wir sehen hier ja nur die Endzustände der Objekte, nicht den Weg, der dorthin geführt hat. Wann genau beginnt in deinem Leben diese Phase, in der du sagst: Jetzt arbeite ich an Objekten, nicht mehr nur an der Fläche? Wie entdeckst du überhaupt Gegenstände, von denen du sagst, den nehme ich jetzt, der wird zu etwas anderem?

Uta — Ich hab's vorher kurz angedeutet. Ich bin in Wien durch die klassischen Techniken durch, bis ich dann nach Amerika gekommen bin. Dort hatte ich eine Professorin, die ganz anders unterrichtete, als es in Österreich — nach dem Meisterklassenprinzip — üblich war: Such deinen eigenen, einzigartigen Weg. So bin ich dreidimensionaler geworden, habe mit Naturalien gearbeitet, Nadeln, Kerne, Steine, v. a. mit meinen bloßen Händen. Bei den Ver-häut-ungen der Eisengegenstände hat mich die vorhandene Form gereizt, gebraucht, alt, rostig. Ähnlich bei meinen Stuhlstücken sind es Fundstücke, die ich renoviert und künstlerisch überformt habe.

Den Anfang der jetzigen Fetischobjektreihe hat eigentlich schon die Corona-Zeit gemacht: 2020, als wir alle zu Hause quasi eingesperrt waren, bin ich in meine eigenen Schubladen gegangen. Nach dem Tod meiner Mutter kam dazu, dass ich ihr Haus ausgeräumt und Dinge gefunden habe, die ich so von ihr nicht kannte: Seidenstrümpfe, Strapse, rote Schuhe, Dessous! Und dies als streng katholisch Erzogene. Ich merkte sogleich, ich habe in meinen eigenen Schränken Ähnliches, kaum Getragenes, nie Weggeworfenes. So ist diese Objektreihe entstanden, aus diesen beiden Funden, ihren und meinen. Damit habe ich meine Mutter-Tochter-Beziehung aufgearbeitet.

Peter — Magst du eines dieser Objekte für uns ein wenig herausheben und genauer erzählen, wie es dazu gekommen ist? Du hast mir einmal von einer bestimmten Handtasche erzählt, wie du an sie gekommen bist und wie sich die Arbeit mit ihr entwickelt hat. Das fand ich damals sehr aufschlussreich, gerade weil man an einem einzelnen Gegenstand so gut nachvollziehen kann, wie dein Blick auf Fundstücke funktioniert.

Uta — Ich bin ein Taschen- und Schuhfreak, hab sicher jeweils dreißig, vierzig Stück, trage aber immer nur dieselben fünf bis zehn. Jede Frauentasche birgt bekanntermaßen ein Geheimnis. Es ist eigentlich tabu, dass ein Fremder sie leert. Diese Tasche (Titel „Pandorig") an der Wand links ist für mich wie ein Körper, mit Kurven, fast wesenhaft. Sie ließ sich kaum öffnen, ich habe mich am engen Reißverschluss immer aufgekratzt. Also griff ich hinein wie in eine Büchse der Pandora, mit allem, was das an Bedeutung mitbringt.Das Schlechte, das ich herausgeholt habe, ist bewusst noch in Form von scharfen Metallteilen gesteigert.

„Also griff ich hinein wie in eine Büchse der Pandora, mit allem, was das an Bedeutung mitbringt."

Peter — Was mir dabei auffällt, und das würde ich gerne noch vertiefen: Es gibt in deinen neueren Arbeiten auch eine humorvolle Komponente, die in den dreißig Jahre alten, eher ernsten und kämpferischen Werken so nicht zu finden war. Plötzlich taucht etwas Spielerisches auf. Man könnte das altersbezogen deuten, als eine Art Reifungsprozess. Aber vielleicht siehst du das ganz anders?

Uta — Nein, das würde ich unbedingt bejahen. Für mich ist das Humoristische eine Form von Distanzierung. Wenn man die Mittel hernimmt, wie man sich von etwas distanzieren kann, dann ist das Humor, Ironie oder auch Provokation, wenn man der ganzen Sache eine schärfere Note gibt. Auf jeden Fall deute ich über diesen Umweg etwas an, bringe ein Thema auf. Aber ich behandle es auf eine Art, die ungezwungener lesbar ist. Wir tun uns leichter mit etwas frech Witzigem als mit purem Ernst. Mit dreißig dachte ich ernsthaft, ich müsste wissen, wie das Leben geht. Jetzt bin ich sechzig und weiß es immer noch nicht, aber vielleicht ist das gut so.Einerseits wage ich inzwischen mehr, andererseits verschließe ich mich auch mehr. Wichtig ist mir, dass die Ergebnisse offenbleiben, ambig sind, d. h. sowohl als auch „können". Über diese „manipulierten" Gegenstände sprechen naturgemäß mehr Frauen als Männer mit mir, weil jede Frau eine Tasche, Schuhe oder Strümpfe hat. Aber im zweiten Anlauf äußern sich auch Männer. Wir (Frauen) wissen, was Männer (klischeehaft) triggert. Damit spiele ich.

Peter — Du warst ja auch längere Zeit in Japan, und mir fällt gerade auf, dass sich hier möglicherweise interessante Bezüge herstellen lassen. Gibt es Verbindungen zwischen der Art, wie du heute arbeitest, und der japanischen Gesellschaft oder Dingen, die du dort erlebt hast?

Uta — Vielleicht wäre das Verhüllen ein Verbindungselement. Mich hat fasziniert, wie die japanische Kultur auf diesem Thema beharrt, in der Wohnweise, in der Kleidung, in der ganzen Gestik. Alles ist kulturell vorgegeben, sehr stringent, klassifiziert, in Schritte gegliedert, die man erst mit Fortschritt gehen darf, nicht als Anfänger kann, sondern erst als Meister. Dieses Verhüllen im Sinn von Verbergen und dann das Entbergen passiert im Kopf … das ist vielleicht eine Parallelität zu meinem Werk. Ich schichte gern, lege Ebenen, will aber, dass die untere noch spürbar oder sogar sichtbar bleibt. Das soll man entdecken. Ja, das ist ein bisschen Arbeit. Die Wirkung ist eher nicht eindeutig, sondern zweideutig.

Peter — Zum Abschluss würde ich gerne noch einen Bogen in die Zukunft schlagen. Mir fallen hier diese Leporello-Arbeiten aus der dreißig Jahre alten Werkgruppe auf, die aus der Entfernung betrachtet noch etwas leer wirken, bei genauerem Hinsehen aber viel Struktur zeigen. Wenn ich das jetzt in die Gegenwart übertrage: Sechzig Jahre sind um, aber du bist, wie ich finde, voll am Werken. Was wirst du auf diese noch leeren, weißen Seiten für die Zukunft schreiben? Es sind ja ganz zarte Arbeiten, die viel Raum für das Kommende lassen.

Uta — Die Zartheit möchte ich erhalten. Ich habe mir vorgenommen, noch dreißig Jahre zu leben, zwei Drittel sind um. Als ich fünfzig war, wollte ich hundert werden, inzwischen kommen die Wehwehchen dazu, und, wenn ich sehe, was in der Welt passiert, in Umwelt, Politik, prophezeit das auch nicht viel Gutes. Aber ich bemühe mich, in Würde und gesund alt zu werden.
Im Moment bin ich in einer kreativen Pause, eher Leere. Viele von euch wissen, ich bin inzwischen privat getrennt. Wir, mein Exmann und ich, stehen noch zueinander, können Freunde sein, aber als Paar … Das war vor zwanzig Jahren nicht so gedacht. Diese Tatsache erzeugt ein Gefühl, von vorne anfangen zu müssen. Ich bin brüchiger geworden, aber, klar, auch erfahrener. Früher habe ich in Zyklen gearbeitet, mich von einer Idee zur nächsten gehievt. Ich hab sehr viel produziert, da waren dann natürlich ein paar gute Würfe dabei, aber vieles war auch nicht so doll. Jetzt überlege ich genauer, konzipiere präziser, schöpfe aus verschiedensten Quellen und verdichte, aber ich hinterfrage auch mehr … der berühmte Zweifel ist gleich mit dabei.Die Philosophin Barbara Bleisch spricht vom Glanz im Alterungsprozess, den man nicht verlieren soll: lebendig sein, staunen können, noch suchen dürfen.

„Lebendig sein, staunen können, noch suchen dürfen."

Es gibt auch ein jüdisches Sprichwort: Leben sollst du, leben musst du. Was immer das heißt. Menschen real zu treffen ist mir jedenfalls wichtiger geworden als je zuvor — in dieser virtuell geprägten Welt. Im Moment habe ich gar keine großen Pläne. Es gibt heuer noch zwei Termine, dann ist Schluss, und dann gönne ich mir einfach die Leere. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, aber ich schaue von Tag zu Tag, was passiert.

Peter Jakubitz — Uta Belina Waeger, zum Sechzigsten, eine Entdeckungsreise. Du hast uns heute intime Einblicke gegeben, das berührt sehr. Danke für das Gespräch, ich wünsche dir weiterhin spannende Entwicklungen und diesen Glanz in deinem Leben.

 

Ort: Galerie QuadrART, Sebastianstraße 9A, Dornbirn, AT
Termin: Finissage, Samstag, 5.9.2026, 17:00 Uhr
Link: quadrart-dornbirn.com
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 tags: Interview, Dialog, Malerei, Objektkunst, Vorarlberg, Finissage
 image rights: artalpsreview 2026
 Gastgeber: Erhard Witzel, Galerie QuadrART

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