Gerhard Richter – Fondation Louis Vuitton, Paris
Ausstellung zum Lebenswerk des deutschen Künstlers Gerhard Richter ist noch bis März in Paris zu sehen.
In der von Stararchitekt Frank Gehry entworfenen, monumentalen Fondation Louis Vuitton werden rund 240 Werke chronologisch präsentiert. Bereits nach dem Passieren der strengen Sicherheitskontrolle – die selbst leere Wasserflaschen nicht durchlässt – beginnt der Rundgang im Basement. Von hier an bewegt man sich nahezu permanent unter den Argusaugen zahlreicher Sicherheitskräfte durch eine Ausstellung der Superlative, deren Versicherungswert – vorsichtig geschätzt – bei über 500 Millionen Euro liegen dürfte.
Bemerkenswert ist, dass die Schau trotz ihres Anspruchs, das Lebenswerk Richters abzubilden, erst mit jener Phase einsetzt, in der der Künstler nach seiner Flucht aus der DDR im Westen künstlerisch anerkannt wurde. Dies entspricht zwar Richters eigener Haltung – er hat sich stets dafür ausgesprochen, die in der DDR entstandenen Werke nicht zu zeigen und viele davon bewusst vernichtet –, dennoch bleibt hier eine spürbare Leerstelle in der Werkdarstellung, die kunsthistorisch nicht unproblematisch ist.
Auffällig ist zudem die Kuratierung durch Dieter Schwarz and Nicholas Serota, die immer wieder sehr private Motive – Darstellungen seiner Tochter sowie Porträts der Ehefrauen – in die großen, ikonischen Werkserien einbettet. Diese Durchmischung von intimem Bildmaterial und kanonischen Werkgruppen mag als biografische Vertiefung intendiert sein, kann jedoch auch als störend empfunden werden, da sie die formale und konzeptuelle Stringenz einzelner Serien unterbricht.
Gerhard Richters Werkansatz ist von einem radikalen Misstrauen gegenüber Bildern geprägt – und zugleich von einer obsessiven Hingabe an sie. Wie kaum ein anderer Künstler der Gegenwart bewegt er sich souverän zwischen Fotorealismus und Abstraktion, zwischen kühler Distanz und emotionaler Aufladung. Seine berühmten Verwischungen sind keine ästhetischen Effekte, sondern Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenüber fotografischer Wahrheit und historischer Gewissheit.
Im Vergleich zu Andy Warhol, der das fotografische Bild in der seriellen Wiederholung entleert und zum Symbol der medialen Oberfläche macht, verfolgt Richter einen entgegengesetzten Weg: Während Warhol die Banalität der Reproduktion feiert, untersucht Richter die Fragilität der Erinnerung. Beide Künstler nutzen Fotovorlagen, doch wo Warhol Affirmation betreibt, setzt Richter auf Irritation, Zweifel und malerische Auflösung. Richters Malerei bleibt dabei stets ein intellektueller Akt – eine Reflexion über das Sehen selbst.
Der heute 93-jährige Richter ist ein Perfektionist von außergewöhnlicher Präzision. Dies zeigt sich eindrucksvoll in den Bildern mit den farbigen Quadraten, in denen mathematische Ordnung und visuelle Sinnlichkeit aufeinandertreffen. Auch die Ausstellung der kleinformatigen Aquarelle überrascht durch ihre intensive Farbigkeit. Kleine Grafitzeichnungen aus den letzten Jahren sind ebenfalls zu sehen, allerdings aufgrund einer mangelhaften Ausleuchtung nur eingeschränkt wahrnehmbar – ein unnötiger kuratorischer Schwachpunkt.
Insgesamt ist diese Ausstellung von herausragender Bedeutung für einen der wichtigsten Künstler der Gegenwart. Sie beeindruckt durch Umfang, Qualität und Dichte der gezeigten Werke, weist jedoch konzeptionelle Schwächen auf – insbesondere in der zeitlichen Setzung und in der Durchmischung privater Motive mit zentralen Werkkomplexen. Dennoch bleibt sie ein unverzichtbares Ereignis für das Verständnis von Gerhard Richters
Ort: Fondation Louis Vuitton, 8 av. du Mahatma Gandhi, Paris
Zeit: 17.10.2025-2.3.2026
Link: Fondation Louis Vuitton
Tags: Gerhard Richter, Retrospektive, Paris, Gegenwartskunst, Fotorealisimus, abstrakte Malerei
report: ceha


art alps review in Paris - Jänner 2026 Ein Bericht zur angesagten Retrospektive des Künstlers Gerhard Richter in der Fondation Louis Vuitton, ein erster Blick in das neue Museum Cartier- und ein Beitrag zum Bau des Musée Giacometti, das für 2028 angekündigt ist.

Fondation Cartier am Palais Royal – Paris' neues Kunstatelier
Zwischen Louvre und Jardin des Tuileries ist ein Ort entstanden, der Kunst nicht nur zeigt, sondern atmen lässt – doch das Experiment fordert heraus
Das neue Zuhause der Fondation Cartier gegenüber dem Louvre ist mehr als ein Museum – es ist ein architektonisches Statement, das Paris' Kunstszene neu definiert. Wo einst Reisende der ersten Weltausstellung 1855 im Grand Hôtel du Louvre abstiegen und später Pariser in den Grands Magasins flanieren gingen, empfängt heute Jean Nouvels jüngste Vision: eine Museumsmaschine im Haussmann'schen Gewand.
Nouvel, der Meister der kontextsensiblen Architektur, lässt die historische Steinfassade weitgehend unangetastet. Doch wer eintritt, erlebt einen Raum, der sich stark veränderbar zeigt. Fünf höhenverstellbare Plattformen von bis zu 340 Quadratmetern schaffen ein variables Raumgefüge, das je nach Ausstellung seine Proportionen verändert. Decken lassen sich senken, Zwischenebenen können geschaffen werden, Licht kann durch die großen Glasdächer hereinfallen – die Architektur wird zur Choreografie.
Die bodentiefen Fenster zur Rue de Rivoli verwandeln die historischen Arkaden in transparente Schaufenster der Gegenwartskunst. Passanten werden zu stillen Betrachtern, Besucher zu Akteuren im musealen Schauspiel – eine Durchlässigkeit, die Nouvel bereits 1994 am Boulevard Raspail mit seinem legendären Glashaus zelebrierte.
Bis Ende August 2026 zeigt die Exposition Générale erstmals das komplette Spektrum der Fondation: Fast 600 Werke von über 100 Künstlern – von Claudia Andujar über James Turrell bis zu Sarah Sze, von David Lynch bis Cai Guo-Qiang. Es ist keine klassische Retrospektive, sondern ein lebendiger Parcours durch vier Jahrzehnte kuratorischen Wirkens.
Die Ausstellung versteht sich als Enzyklopädie zeitgenössischer Kunst – und als Hommage an die frühere Nutzung des Hauses als Kaufhaus. Schon die Grands Magasins du Louvre veranstalteten ab Ende des 19. Jahrhunderts ihre eigenen "Expositions Générales" in diesem Gebäude. Nouvel schließt damit einen historischen Kreis.
Doch genau hier zeigt sich auch die Crux des Konzepts. Die nur in 5 Themenfelder gegliederte Präsentation der Sammlung – so demokratisch und offen sie sich gibt – wirkt in ihrer Fülle fordernd, bisweilen überfordernd. Wo ein roter Faden fehlt, bleibt es dem Besucher überlassen, Zusammenhänge zu stiften. Das mag als kuratorisches Statement funktionieren, als Museumserlebnis verlangt es jedoch ein hohes Maß an Eigenleistung.
Hinzu kommt die derzeitige Raumgestaltung: In den variablen Ebenen herrscht eine merkwürdig mystische Untergrundatmosphäre – halb Keller, halb Kathedrale. Die technische Raffinesse der beweglichen Plattformen erzeugt Zwischenräume, die mehr an industrielle Transitzone erinnern als an klassische Ausstellungsarchitektur. Ein faszinierendes Experiment, ohne Frage. Aus museumsgestalterischer Sicht jedoch nicht immer optimal gelöst: Die Kunst muss sich gegen die Architektur behaupten, statt von ihr getragen zu werden.
Vielleicht ist genau das die Absicht – ein bewusstes Spiel mit Verunsicherung, ein Abschied von der White-Cube-Komfortzone. Doch während Nouvels Vision die Konventionen herausfordert, stellt sich die Frage, ob jedes Werk in diesem unruhigen Setting zu seinem Recht kommt.
Mit 8.500 Quadratmetern öffentlicher Fläche bietet die Fondation Cartier weit mehr als Ausstellungsräume: Ein 120-Sitzer-Auditorium für Talks und Performances, die Buchhandlung an der Ecke zur Rue de Rivoli mit Katalogen und Künstlerbüchern, das Petit Café (ab Frühjahr 2026) und La Manufacture – ein 300 Quadratmeter großer Raum für Workshops und künstlerische Praxis.
Die Baukosten? Im oberen dreistelligen Millionenbereich – bei dieser komplexen Maschinerie aus Hydraulik, Denkmalschutz und urbanem Luxus keine Überraschung.
Fazit: Mutiges Wagnis mit Fragezeichen.Paris hat ein neues Kunstwohnzimmer – und diesmal steht es in bester Gesellschaft: direkt zwischen Louvre und Palais Royal, wo Geschichte und Gegenwart ohnehin nie weit voneinander entfernt waren. Die Fondation Cartier wagt den Sprung ins Ungewisse, experimentiert mit Raum, Licht und kuratorischer Freiheit. Ob das Konzept langfristig trägt, wird sich zeigen. Vorerst bleibt: ein ambitioniertes, mutiges, nicht immer restlos überzeugendes Experiment an bester Adresse.
Ort: Fondation Cartier pour l'art contemporai,2, Place du Palais-Royal,75001 Paris
Aktuelle Ausstellung: Exposition Générale – bis 23. August 2026
LINK: fondationcartier.com
Report: pedro
Platz für Giacometti`s Kunstwerke
Paris bekommt 2028 ein weiteres Museum der Superklasse
Unweit des Invalidendoms im 7. Arrondisment, dort wo Paris zwischen Monumentalität und romatischen Stadtteilen oszilliert, zieht unweit der Schweizer Botschaft in ein Bauwerk ein neues Leben ein.
Das neue Musée Giacometti entsteht im ehemaligen Gare des Invalides, einem Bahnhof, der 1900 anlässlich der Pariser Weltausstellung errichtet wurde. Seine Aufgabe war es damals, Besucherströme rasch zu den weitläufigen Ausstellungsarealen am linken Seineufer zu bringen – ein Verkehrsbau für die Moderne, funktional und repräsentativ zugleich.
Nach dem Ende seiner Nutzung als Bahnhof erlebte das Gebäude mehrere Metamorphosen: Es diente unter anderem als Verwaltungssitz von Air France und verschwand dananch zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein. Nun wird es von der Fondation Giacometti neu belebt– als Ort der Kunst, der Forschung und der Begegnung.
Der Umbau liegt in den Händen des Stararchitekten Dominique Perrault, der für seine sensiblen Eingriffe in historische Strukturen bekannt ist. Sein Ziel ist es nicht, das Gebäude zu überformen, sondern die rohe Kraft der Architektur freizulegen und mit Giacomettis existenzieller Kunst in Dialog zu setzen. Licht, Raum und Bewegung sollen so choreografiert werden, dass sie die fragile Präsenz der berühmten Figuren nicht überwältigen, sondern verstärken.
Auf mehreren Ebenen entsteht ein Museum, das mehr sein will als ein klassischer Ausstellungsort: Neben der weltweit größten Giacometti-Sammlung (sie umfasst rund 10.0000 Werke) sind Arbeitsräume, Archive, temporäre Ausstellungen und eine offene Museumsschule geplant. Das Gebäude wird insgesamt 6000m2 Fläche haben, davon 3000m2 für Ausstellungen. Der historische Ort wird damit zu einem lebendigen Labor, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt.
Die Eröffnung, die ursprünglich zum sechzigsten Todestag von Alberto Giacometti stattfinden sollte, wird erst 2028 erfolgen. Die Ursache liegt an einem zwischenzeitlichen Wechsel des Standortes für das Projekt.
Paris erhält damit nicht nur ein weiteres Museum, sondern einen neuen kulturellen Resonanzraum, in dem Architektur, Geschichte und Kunst auf außergewöhnliche Weise zusammenfinden.
report: pedro



















