Q1/26 - Alpenraum im Wandel: Architektur, Licht und neue Horizonte
Im ersten Quartal nehmen wir den Alpenraum als Experimentierfeld für neue Formen von Architektur und Wahrnehmung in den Blick. Mit der geplanten Wiederentstehung von Antony Gormleys Horizon Field in Lech kehrt ein Schlüsselprojekt zurück, das den menschlichen Körper in Beziehung zu Landschaft, Topografie und Horizont setzt. Parallel dazu richtet der Bildraum Bodensee mit Anton Kehrers Ausstellung a different kind of horizon den Fokus auf einen künstlerischen Zugang, der mit Licht, Linien und Körperlichkeit arbeitet und den Raum in fein abgestuften Schichtungen neu erfahrbar macht.
Auch die Baukultur im Alpenraum wird in diesem Zusammenhang neu gelesen: Die Sammlung und Plattform Constructive Alps zeigt in Form eines Bauarchivs, wie über hundert beispielhafte Projekte ökologische Effizienz, soziale Verantwortung und architektonische Klarheit verbinden. Vom Shelter bis zum Verwaltungsbau entsteht ein dichtes Geflecht von Positionen, das den Umgang mit Landschaft, Dorfstrukturen und zeitgenössischen Bedürfnissen neu definiert.
Eine wichtige Rolle für diese Diskussion und Verbreitung innovativer nachhaltiger Architektur spielt das Vorarlberger Architektur Institut (vai). Als offener Ort des Austauschs bündelt es Forschung, Vermittlung und Diskurs zur Architektur im Alpenraum und macht sichtbar, wie eng nachhaltiges Bauen, kulturelle Identität und künstlerische Praxis miteinander verknüpft sind.
Eine wirkliche Empfehlung für Wien-BesucherInnen ist die Ausstellung Faszination Papier in der Albertina. Werke aus dem riesigen Fundus sind zu einer einzigartigen Schau verwoben, die ein Begreifen, Erleben und Erfühlen des Materials in der Kunst ermöglichen soll.
Sammlung Bauarchiv - Constructive Alps
Auch wenn das Projekt seit 2022 nicht mehr weitergeführt wurde, bleibt es ein Meilenstein – und genau deshalb berichten wir bei Art Alps Review darüber.
Im Alpenraum entstehen kontinuierlich Bauwerke, die Architektur, Landschaft und Verantwortung miteinander verweben. Die Plattform Constructive Alps versammelt auf ihrer Projektseite ein kuratiertes Archiv solcher nachhaltigen Bauten. Dort wird sichtbar, wie lebendig die Baukultur in den Alpen ist – ein inspirierendes Vorbild für Art Alps Review, wo wir Architektur als kulturellen Herzschlag dieser Region zeigen wollen.
Über hundert Projekte aus allen Alpenländern bilden ein Repositorium vorbildlicher Architektur. Es geht dabei weniger um ikonische Entwürfe als um kluge Antworten auf reale Bedürfnisse: Kindergärten, Berggasthäuser, Wohnbauten oder Sanierungen, die Tradition respektieren und gleichzeitig klimaverträglich neu denken.
Nachhaltigkeit als Haltung
Bei Constructive Alps steht nicht die Form im Mittelpunkt, sondern die Haltung: ökologische Effizienz, sozialer Mehrwert, lokale Materialien, die in einen zeitgemäßen technischen Kontext gesetzt werden. Jedes Projekt erzählt vom Dialog zwischen Landschaft, Dorfstrukturen und menschlichen Bedürfnissen.
Vom Shelter zum Verwaltungsbau
Ein filigraner Shelter in Slowenien oder ein Verwaltungsbau im Montafon sind nur zwei Beispiele, wie alltägliche Bauaufgaben zu alpiner Baukunst heranwachsen können. Es sind Bauten, die sich mit Ort, Material und Ressourcen auseinandersetzen – und dadurch eine unerwartete Kraft entfalten.
Für Art Alps Review zeigt diese Sammlung, wie Architektur und Kunst in den Alpen verschmelzen können: etwa im 3D-Turm von Mulegns oder im Klanghaus Toggenburg, die Tradition neu interpretieren und kulturelle Räume erweitern.
Constructive Alps bleibt eine wichtige Referenz – eine Sammlung von Bauwerken, die den Puls der Alpen spürbar machen.
Ort: Alpenraum-weit, Online-Plattform
Laufzeit: permanent
Link: Constructive Alps – Projekte
// report: chris
tags: Architektur, Nachhaltigkeit, Alpenraum,
Constructive Alps, Baukultur
image rights: artalpsreview (AI generiert)
Anton Kehrer - a different kind of horizon
Mit a different kind of horizon präsentiert der Bildraum Bodensee eine pointierte Einzelausstellung von Anton Kehrer, dessen Arbeiten die Grenzen zwischen Fotografie, Malerei, Grafik und Lichtkunst bewusst verwischen.
Sein Werk entwickelt aus diesen Medien keine bloßen Überschneidungen, sondern eigene Wahrnehmungsmuster: Räume aus Licht, Farbe und Material, die sich weniger als Bilder denn als atmosphärische Situationen erfahren lassen. In der klaren, oft reduzierten Sprache entsteht Resonanzraum, in dem Kehrers Sensibilität für Schichtung, Übergang und optische Verdichtung deutlich wird.
Zentrum der Ausstellung im Bildraum Bodensee ist Kehrers seit 1995 kontinuierlich erweiterter analoger Fotozyklus lightflow. Diese groß-formatigen Tableaus greifen Licht nicht als Illumination, sondern als strukturgebenden Baustoff auf. Das Ergebnis sind visuelle Konstruktionen, die mit fotografischer Präzision Ruheräume entstehen lassen. Diese reduzierten, beinahe architekturhaftem Bilder, lassen etwa bei den Lichtquellen aus dem urbanen Raum nur mehr erahnen woher sie stammen.
Die Nähe zur konstruktiven Sachlichkeit der modernen Alpenarchitektur ist dabei kein Zufall, sondern Ausdruck eines gemeinsamen Denkens in klaren Linien, räumlichen Schnitten und funktionaler Eleganz.
Die im Atelier des Künstlers entstandenen Arbeiten führen diese Untersuchung weiter: Kehrer schichtet etwa transparente Farbplatten auf einem Leuchttisch, verschiebt Ebenen, moduliert Übergänge und erzeugt so eine Art archaisch-analoge „Lichtsyntax“. Diese Technik, strikt handwerklich und ohne digitale Eingriffe, erzeugt Bilder, die zwischen Grafik und Lichtkörper schweben.
Der Titel a different kind of horizon greift diese Vorgänge auf: Er verweist auf den realen Bodenseehorizont ebenso wie auf Kehrers konzeptuelles Arbeiten an Lichtgrenzen, Übergangszonen und optischen Schnittstellen. Diese Horizonte sind weniger Fixpunkte als Bewegungsfelder, die Kehrer immer wieder inspiriert.
Ort: Bildraum Bodensee, Bregenz, AT
Laufzeit: bis 21.1.26
Link: Bildraum Bodensee
Map: artalps places
// report: pedro
tags: Architektur, Licht, Schichtungen,
image rights: Petra Rainer
Faszination Papier - Rembrandt bis Kiefer
Mit der Ausstellung „Faszination Papier“ stellt die Albertina ein Material ins Zentrum, das die Kunstgeschichte geprägt hat, aber meist im Hintergrund bleibt. Papier erscheint hier nicht nur als Grundlage für Zeichnung und Druckgrafik, sondern als eigenständiges Medium mit eigenen formalen, haptischen und räumlichen Qualitäten.
Gezeigt werden mehr als hundert Arbeiten aus mehreren Jahrhunderten, die zeigen, wie unterschiedlich Künstler:innen mit Papier arbeiten – von der präzisen Linie bis zur körperhaften Verdichtung, von der flachen Bildfläche bis zum skulpturalen Objekt. Schnitte, Faltungen, Überlagerungen, Prägungen und Gebrauchsspuren sind dabei nicht bloß Nebenprodukte, sondern wesentliche Bestandteile der Werke.
Exemplarisch dafür stehen etwa die durchbrochenen Papierarbeiten von Lucio Fontana, in denen der Schnitt das Blatt in den Raum öffnet, oder die reliefartig bearbeiteten Blätter von Günther Uecker, die Papier in eine nahezu plastische Oberfläche verwandeln. Ihnen gegenüber stehen etwa großformatige, seriell angelegte Arbeiten von Sol LeWitt oder die fragilen, aus dem Blatt herausgearbeiteten Papierobjekte von Angela Glajcar, die das Material in schwebende Raumkörper überführen. Zusammen verdeutlichen diese Positionen die große Spannweite, in der Papier eingesetzt, befragt und transformiert wird.
Mit „Faszination Papier“ realisiert der neue Direktor der Albertina, Ralph Gleis, ein wichtiges Ausstellungsprojekt. Der Fokus auf Materialität und auf Übergängen zwischen Zeichnung, Grafik, Objekt und Installation verweist auf eine programmatische Öffnung des Hauses: Die historische Sammlung wird konsequent aus heutiger Perspektive gelesen und mit zeitgenössischen künstlerischen Fragestellungen verknüpft.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog, gestaltet vom Stab der Albertina und dem Vorarlberger Grafikdesigner Kurt Dornig. Die technisch und gestalterisch aufwendige Buchproduktion – mit Spezialdrucken, Ausklappseiten und taktil erfahrbaren gelaserten Elementen – setzt den inhaltlichen Ansatz der Schau im Medium Buch fort und unterstreicht die Bedeutung von Buchgestaltung im Kontext der Ausstellung.
Ort: Albertina, Wien, AT
Laufzeit: bis 22. März 2026
link: Albertina
Map: artalps places
// report: pedro
tags: Ausstellung, Papier, Zeichnung,
Druckgrafik, Materialität, Zeitgenössische
Kunst
image rights: unsplashed
Körper – Raum – Volumen im Kunstraum Engländerbau
Der Kunstraum Engländerbau zeigt, was sonst verborgen bleibt: Werke aus der Fördersammlung der Kulturstiftung Liechtenstein, die ihren Alltag in Botschaften und Amtsstuben oder im Lager verbringen.
Über 1000 Werke umfasst die Fördersammlung, die das Land Liechtenstein seit 1964 aufbaut — als Dokumentation des zeitgenössischen Kunstschaffens im Fürstentum. Nun macht sie Station im Öffentlichen.
Unter dem Leitmotiv Körper – Raum – Volumen rücken gut 70 Arbeiten von über 30 Künstlerinnen und Künstlern in den Ausstellungsraum, der mit seinen rund 300 Quadratmetern selbst körperlich erfahrbar wird: klar gegliedert, nüchtern im Material, ohne dekorativen Überschuss.
Im Mittelpunkt steht die Skulptur, flankiert von Zeichnung, Druckgrafik, Collage, Installation, Film, Fotografie und Tapisserie.
Was auf den ersten Blick wie eine Inventarschau wirkt, entpuppt sich als konzentrierter Querschnitt durch Jahrzehnte liechtensteiner Kunstgeschichte — von formaler Strenge bis zu raumgreifenden Installationen, von materialbetontem Handwerk bis zu konzeptueller Reflexion. Die Bandbreite ist beeindruckend, der Raum hält sie gut zusammen.
Der Engländerbau — 1933/34 in Stahlskelettkonstruktion errichtet, seit 2002 als Kunstraum bespielt — gibt dieser Schau den richtigen Rahmen: Ein Haus, das selbst Körper ist, das Volumen kennt und dem der Begriff Raum nicht fremd ist. Derzeit eher von innen gut sichtbar, denn außen wird das Dach saniert.
Kuratorin Doris Bühler und Kurator Elmar Gangl haben bereits die Vorgängerpräsentation Linie – Strich – Struktur verantwortet und setzen hier ihre Erkundung der Sammlung konsequent fort — diesmal in die dritte Dimension.
Ort: Kunstraum Engländerbau, Städtle 37, Vaduz, Liechtenstein
Laufzeit: bis 8.3.2026
Link: Kunstraum
Map: artalps places
// report: pedro
tags: Skulptur, Sammlung, Zeitgenössische Kunst,
Liechtenstein,Fördersammlung, Installation
image rights: Kunstraum Engländerbau
Nexus in der Holzwerkstatt Faißt – Kunst im Handwerksraum
Zeitgenössische Kunst trifft auf lebendiges Handwerk: Die Holzwerkstatt Markus Faißt in Hittisau zeigt mit „Nexus" eine Ausstellung, die den Dialog zwischen Material, Fertigung und künstlerischer Position auslotet.
Die Werkstatt selbst ist bereits Programm. Hier entstehen hochwertige Holzobjekte, hier riecht es nach Spänen und Öl, hier sind Werkbänke und Maschinen nicht Kulisse, sondern Arbeitsrealität. In diesen produktiven Raum fügt sich „Nexus" ein – nicht als Fremdkörper, sondern als organische Erweiterung.
Der Titel ist Hinweis: Nexus meint Verknüpfung, Schnittstelle, Verbindung. Die gezeigten Arbeiten reagieren auf die räumliche und handwerkliche Situation. Materialität wird hier nicht abstrakt verhandelt, sondern bleibt an den Ort gebunden. Man sieht, tastet, versteht die Prozesse.
Die Holzwerkstatt Faißt ist seit Jahren ein Ort, an dem sich Handwerk und Kunst begegnen – ohne dass diese Begegnung forciert wirkt. Das Engagement für zeitgenössische Positionen ist keine Marketingstrategie, sondern gewachsene Haltung. Die Nähe zum Werkraum Bregenzerwald spiegelt sich in der Verbindung von Gestaltung, Handwerk und Regionalität.
„Nexus" nutzt diese Konstellation. Die Ausstellung ist intim, konzentriert, fernab vom Kunstbetrieb. Wer im Februar nach Hittisau kommt, findet mehr als eine Ausstellung: eine Werkstatt in Betrieb, ein Handwerk mit Anspruch, eine künstlerische Intervention am richtigen Ort.
Keinesfalls versäumen sollte man es, das Holzreifelager aufzusuchen. Denn dort hat Heike Schaefer eine mehrteilige Installation in Szene gesetzt. Am späteren Nachmittag sorgt das zwischen den Holzbrettern einfließende Licht für eine mystische Stimmung.
Ort: Holzwerkstatt Markus Faißt, Hittisau, Bregenzerwald, Vorarlberg, Österreich
Laufzeit: im Februar 2026, Fr/Sa 15–18 Uhr
Link: Holzwerkstatt Markus Faißt
Map: artalps places
// report: margot
tags: Zeitgenössische Kunst, Handwerk,
Installation, Werkraum Bregenzerwald
image rights: artalpsreview
Michael Hirschbichler Johanniterkirche – Vergläserung
Wenn der Boden einer Kirche zum Rohstoff wird, verändert sich der Blick auf den Raum grundlegend.
Die Johanniterkirche in Feldkirch ist kein gewöhnlicher Ausstellungsraum. Seit den archäologischen Grabungen der frühen 1980er Jahre ist ihr Boden offen geblieben – ein freigelegter Querschnitt durch acht Jahrhunderte Stadtgeschichte, der jeden Eingriff mit einem besonderen Gewicht versieht. Genau diese Offenheit machte die Kirche für ungewöhnliche Kunstprojekte so interessant.
Der in Hamburg lehrende Architekt und Künstler, der sich in seiner Arbeit konsequent mit den Wechselbeziehungen zwischen materiellem Raum und mythischen Ordnungen beschäftigt, hat für die Vergläserung das Naheliegendste getan und gleichzeitig das Radikalste: Er nahm gesiebten Sand aus dem Kirchenboden und verwandelte ihn in Glas. Die Transformation selbst geschah in der Glashütte Lamberts in Waldsassen, einem Ort, der selbst für das handwerkliche Verstehen von Glas steht.
Statt makelloser Glasobjekte entstanden unregelmäßige, instabile, teils fragmentarische Körper. Spuren des Herstellungsprozesses bleiben sichtbar und werden Teil des künstlerischen Ausdrucks. Einzelne Tropfen formen eine Traube, die als hängende Skulptur über der Ausgrabungsstätte schwebt. Tief im Raum positioniert, fast auf Augenhöhe, wirkt die Skulptur nicht wie etwas Ausgestelltes, sondern wie etwas Herausgebildetes – als hätte der Boden selbst diese Form nach oben abgegeben.
Was zuvor Boden war, wird nun transparent, lichtdurchlässig und fragil. Glas hat in Sakralräumen eine lange Geschichte als Träger von Licht und Erzählung. Hirschbichler zeigt es als Transformationsmedium – und macht damit sichtbar, was unter unseren Füßen längst vorhanden war.
Ort: Johanniterkirche, Feldkirch, Vorarlberg, Österreich
Laufzeit: bis 25. April 2026
Link: johanniterkirche.at
Map: artalps places
// report: ceha
tags: Skulptur, Glaskunst, Sakralraum,
Archäologie, Vorarlberg, Gegenwartskunst
image rights: 2026 artalpsrevie.at
Literaturhaus Vorarlberg, Hohenems — Villa mit zweitem Leben
Hohenems hat eine neue Adresse, die man sich merken muss. Seit April 2025 beherbergt die denkmalgeschützte Villa Franziska und Iwan Rosenthal in der Radetzkystraße das erste Literaturhaus Vorarlbergs — und der Umbau zeigt, wie sensibel Revitalisierung gelingen kann, wenn man sich dem Bestand wirklich stellt. Der romantisch-historistische Bau aus dem Jahr 1890, entworfen von den Züricher Architekten Alfred Chiodera und Theophil Tschudy, ist innen reich ausgestattet: üppige Wand- und Deckenmalereien, Glasmosaike im Treppenhaus, kleine Räume mit musealen Qualitäten, eine originale Kegelbahn. Das Renovierungsteam um Architekt Ernst Waibel hat sich dieser Substanz nicht widersetzt, sondern sie als Programm verstanden. Jeder Raum bleibt in seiner ursprünglichen Funktion lesbar — die Kutscheneinfahrt, der Gartensalon, der Dienstbotentrakt. Das Literaturhaus nestelt sich in diese Struktur hinein, statt sie zu überschreiben. Auf rund 360 m² in Parterre und Beletage entfaltet sich ein Konzept, das Literatur nicht als fertiges Produkt, sondern als Prozess begreift: Live-Lektorate, Übersetzungsworkshops, Hörstationen, partizipative Interventionen. Leiterin Frauke Kühn und ihr Team haben dabei mit bemerkenswerter Konsequenz auf Zugänglichkeit gesetzt — tagsüber freier Eintritt, kein Hochkultur-Gehabe. Das funktioniert, weil die Villa selbst einladend ist: wohnlich und repräsentativ zugleich, mit einer Atmosphäre, die eher an ein gut geführtes Privathaus erinnert als an eine Kulturinstitution.
Gleich im Haus hat sich seit Februar 2026 auch das Café Rosa & Rot eingemietet — und setzt den Ton fort. Die Schwestern Elvira Flora und Eva Motter führen das Tagescafé mit erkennbarem Konzept: feines Frühstück, kreative kleine Speisen, Gugelhupf als süßes Aushängeschild. Die Speisekarte überrascht mit Eigenem, die Bedienung ist aufmerksam ohne aufdringlich zu sein. Wer nach einem Rundgang durch die Beletage hier sitzt, merkt, dass Gastronomie und Haus aufeinander abgestimmt sind — in Ton, Tempo und Haltung. Rosa & Rot ist kein Anhängsel, sondern Verlängerung des Ortes.
Ort: Literaturhaus Vorarlberg / Café Rosa & Rot, Radetzkystraße 1, Hohenems, Vorarlberg, AT
Laufzeit: ganzjährig geöffnet
Link: literatur.ist / caferosaundrot.com
Map: artalps places
// report: ceha
tags: Architektur, Denkmalschutz, Literatur,
Revitalisierung, Café, Vorarlberg
image rights: artalpsreview

Yayoi Kusama - Fondation Beyeler
Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zeigt bis zum 25.1.2025 eine umfassende Retrospektive der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama – und das Publikum strömt. Bereits Wochen vor dem Ende waren sämtliche Zeitfenster ausverkauft. Diese Besuchermassen sind bezeichnend für ein Phänomen, das die Kunstwelt zunehmend prägt: die Inszenierung von Blockbuster-Ausstellungen, die ein breites Publikum ansprechen und gleichzeitig die Kassen füllen. Dass die Fondation Beyeler verstärkt auf solche publikumswirksamen Schauen setzt, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die laufenden Erweiterungsbauten nach Plänen von Peter Zumthor belasten das Budget erheblich, und Ausstellungen wie diese sollen helfen, die finanziellen Herausforderungen zu bewältigen.
Dabei bietet die Schau durchaus mehr als nur Instagram-taugliche Selfie-Spots. Besonders die frühen Arbeiten Kusamas aus den 1950er und 60er Jahren offenbaren eine künstlerische Intensität, die in der medialen Vermarktung der heute 65-jährigen, in Tokio lebenden Künstlerin oft untergeht. Neben den charakteristischen Infinity Rooms, in denen sich Besucher in unendlichen Spiegelungen verlieren können, zeigt die Ausstellung auch Videos ihrer politischen Aktionen aus den 1960er Jahren sowie eine Auswahl ihrer Gedichtbände und literarischen Arbeiten. Diese Erweiterung des Blicks macht deutlich, wie vielseitig Kusamas Schaffen tatsächlich ist – weit über die bekannten Kürbisskulpturen und Polka Dots hinaus.
Den Schwerpunkt bilden jedoch die geradezu brutalen, obsessiven Bildwelten, die Kusamas schwierige psychische Verfasstheit widerspiegeln. Die Künstlerin selbst hat wiederholt betont, dass die Themen von Angst, Auflösung und Obsession sie seit ihrer Jugend begleiten. Ihre Kunst, so wird in Basel sichtbar, funktioniert auch als Form der Therapie – ein Ventil für psychische Spannungen, die sich in endlosen Wiederholungen von Mustern und Formen Bahn brechen. Die von Kusama selbst beschriebene “gewollte Selbstauflösung” manifestiert sich besonders eindrücklich in den Spiegelräumen, in denen die Besucher ähnliche Erfahrungen von Entgrenzung und Auflösung machen können.
Was allerdings fehlt, ist der bei früheren Ausstellungen der Fondation Beyeler übliche persönliche Videobeitrag, in dem die Künstlerin oder Kuratoren den Zugang zum Werk vertiefen. Trotz dieser Lücke und trotz des kommerziellen Charakters der Schau: Die Kusama-Retrospektive bietet einen wuchtigen, berührenden Einblick in das Lebenswerk einer Künstlerin, die aus ihrer Verwundbarkeit eine außergewöhnliche künstlerische Kraft geschöpft hat.
Ort:Fondation Beyeler, Riehen/Basel, CH
Laufzeit:noch bis 25. Jänner 2025
Link:Fondation Beyerle
Map: artplaces
// report: chris
tags: Ausstellung, Yayoi Kusama,
Retrospektive, Installation,
Zeitgenössische Kunst, Japan,
Infinity Rooms
image rights: artalpsreview

Carl Cheng - Museum Tinguely
Während die Kusama-Ausstellung in der Fondation Beyeler die Massen anzieht, präsentiert das Museum Tinguely in Basel mit Carl Cheng einen Künstler, der bei weitem nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfährt – zu Unrecht, wie sich bei einem Besuch Mitte Januar zeigt. Die Retrospektive zum Werk des 1942 in San Francisco geborenen, heute 82-jährigen Künstlers offenbart eine äußerst spannende, visionäre Position, die zwischen Kunst, Wissenschaft und ökologischem Denken oszilliert.
Seit den 1960er Jahren entwickelt Cheng Arbeiten, die Naturprozesse, technologische Systeme und künstlerische Intervention miteinander verschränken. Seine “Nature Machines” – autonome Systeme, die natürliche Phänomene simulieren – zeugen von einem radikalen Denken, das seiner Zeit weit voraus war. Besonders faszinierend sind seine Verwitterungsexperimente, die er über Jahrzehnte auf dem Dach seines Studios in Los Angeles durchführte. Cheng setzte dort skulpturale Formen den Umweltbedingungen wie Verwitterung und Erosion aus, arbeitete mit organischen Materialien wie Eidechsenhäuten und Kakteen und verfolgte teils jahrzehntelange Prozesse von Wachstum und Zerfall als künstlerische Methodik. Diese Experimente mündeten in die “Erosion Machines” – Apparate, die kontinuierlich Wasser auf Chengs “menschliche Felsen” sprühen, sedimentierte Gipsformen mit eingebetteten Resten von Alltagstechnologie.
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist Chengs Arbeit mit der Sandgestaltungsmaschine, einem faszinierenden Apparat, der durch programmierte Bewegungen kontinuierlich neue Muster im Sand erzeugt. Hier verbindet sich die Ästhetik des Zen-Gartens mit kybernetischer Logik – Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als lebendiger, sich wandelnder Prozess.
Das Museum Tinguely erweist sich als idealer Ort für diese Retrospektive. Die Nähe zu Jean Tinguelys eigenen kinetischen Skulpturen schafft einen fruchtbaren Dialog. Die Ausstellung verdient große Anerkennung – für die Wiederentdeckung einer zu wenig bekannten Position und für den Mut, auch jenseits des kommerziellen Mainstreams künstlerische Visionen zu zeigen, die zum Nachdenken anregen.
Ort:Museum Tinguely, Basel, CH
Laufzeit: noch bis 10. Mai 2026
Link: Museum Tinguely
Map: artplaces
// report: pedro
tags: Ausstellung, Carl Cheng, Kinetische
Kunst, Ökologie, Konzeptkunst, Maschine,
Prozess, Retrospektive, Verwitterung
image rights: Museum Tinguely

Gerhard Gerstbauer - Modelle einer anderen Moderne
Im Architekturhaus Salzburg wird derzeit das Werk von Gerhard Garstenauer mit einer seltenen Dichte an Modellen, Plänen und Fotografien gezeigt. Die Schau ist als „Gastspiel“ des Salzburg Museum konzipiert und greift auf einen umfangreichen Nachlass zurück, der über Jahre zusammengetragen und digital inventarisiert wurde. Rund 8.500 Objekte – Zeichnungen, Modelle, theoretische Texte und Medienberichte – bilden den Hintergrund für einen Parcours, der Garstenauer als Architekt, Gestalter und forschenden Denker zeigt.
Im Zentrum stehen drei Bauaufgaben: Industrie, Wohnen und Tourismus. An ihnen lässt sich ablesen, wie selbstverständlich Garstenauer mit neuen Typologien experimentierte – von der Felsentherme in Bad Gastein bis zu Berg- und Liftstationen, die als eigenständige topografische Einheiten gedacht sind. Viele dieser einst gefeierten Bauten sind heute leider stark verändert oder in einem prekären Zustand, was der Ausstellung eine unerwartete Dringlichkeit verleiht.
Die Fotografien – historische Aufnahmen, aktuelle Bestandsfotos und Ausstellungsansichten – zeigen, wie sehr Garstenauers Architektur zwischen technischer Präzision und landschaftlicher Imagination vermittelt. Modelle und Zeichnungen treten dabei nicht als Illustrationen auf, sondern als eigenständige Gedankenräume: Sie erzählen von einer Zeit, in der in Salzburg an einer offenen, zukunftsorientierten Moderne gearbeitet wurde.
Kuratorisch verzichtet die Schau auf nostalgische Glättung. Stattdessen stellt sie die Frage, welche Formen des Umgangs mit dem baulichen Erbe der Nachkriegsmoderne heute möglich sind.
Die Kooperation von Salzburg Museum, Initiative Architektur und Gastein 74 versteht sich als Plädoyer, die verbliebenen Arbeiten Garstenauers als Teil einer kritischen Baukultur zu interpretieren und nicht als Altlast einer vergangenen Epoche.
Ort: Architekturhaus Salzburg, Initiative Architektur, Salzburg.
Laufzeit: 17. Oktober 2025 – 20. Februar 2026 (geschlossen 20.12.2025–12.01.2026).
link: Initiative Architektur
// report: chris
tags:Brutalismus, Felsentherme,
Gastein74,Nachkriegsmodern,Salzburg,
Architektur
image rights: unsplashed

Koo Jeong A - Kunsthaus Bregenz
Im Kunsthaus Bregenz verwandelt Koo Jeong A Architektur in ein Feld subtiler Wahrnehmung.
Mit Koo Jeong A eröffnet das Kunsthaus Bregenz 2026 einen Dialog über Raum als Erfahrung. Die 1967 in Seoul geborene Künstlerin, die überall und nirgendwo lebt und 2024 Südkorea auf der Biennale in Venedig vertrat, richtet den Blick auf jene Phänomene, die erst durch geduldige Beobachtung sichtbar werden – oder gerade nicht sichtbar sind.
Peter Zumthors Betonarchitektur bietet dafür einen idealen Resonanzraum. Im Erdgeschoss entwickelt Koo Jeong A eine phosphoreszierende Bodenskulptur – ein aus dem Kontext gelöstes Fragment einer Skatepark-Rampe. Die geschwungene Kurve reorganisiert den Raum wie ein Möbiusband und verwandelt ihn in eine begehbare Skulptur.
In den oberen Geschossen wird es noch subtiler. Magnetische Wandobjekte schweben vor den Raumecken – metallene Paravents, die Kräfte bewusst machen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben.
Ein Geschoss widmet sich ganz dem Geruch. Koo Jeong A öffnet einen Raum für olfaktorische Wahrnehmung – für das Unsichtbare, das nur sinnlich erfassbar ist. Im obersten Stockwerk zeigt sie einen Film, umgeben von grünlich fluoreszierenden Sternen, die auf Weite und Unendlichkeit verweisen.
Koo Jeong As Installationen sind keine Bühnen oder Erzählungen. Sie schaffen Atmosphären der Durchlässigkeit, Räume energetischer Verschiebungen. Die Arbeiten leben von Präsenz und verborgener, aber deutlich spürbarer Energie.
Indem die Künstlerin uns mit dem konfrontiert, was sich der direkten Sichtbarkeit entzieht, öffnet sie einen Raum zur Reflexion. Wir werden eingeladen, unseren gewohnten Erfahrungsraum zu hinterfragen – was nehmen wir wahr, was übersehen wir, welche Kräfte und Phänomene wirken jenseits unserer alltäglichen Aufmerksamkeit?
Das Kunsthaus Bregenz zeigt mit dieser Einladung erneut seine Stärke, die Grenzen der eigenen Architektur neu auszuloten. Wo andere Häuser auf Spektakel setzen, wagt das KUB die Reduktion – und macht gerade dadurch Raum für eine Kunst, die nicht lauter werden muss, um gehört zu werden.
Ort: Kunsthaus Bregenz, , Österreich
Laufzeit: 31.1. bis 25.5.2026
Link:Kunsthaus Bregenz
Map: artplaces
// report: chris
tags: Installation, Skulptur, Zeitgenössische
Kunst, Sound Art, Olfaktorische Kunst, Südkorea
image rights: Markus Tretter

Richard Paul Lohse – Farbe als System, System als Haltung
Er wollte, wie er selbst sagte, demokratisch malen. Das Museum Haus Konstruktiv eröffnet sein Jahresprogramm 2026 mit einer umfassenden Retrospektive des Zürcher Künstlers Richard Paul Lohse (1902–1988) – und zeigt dabei, wie präzise dieses Vorhaben in Malerei übersetzt werden kann. Über fünfzig Werke aus vier Jahrzehnten, von frühen abstrakten Leinwänden der 1940er-Jahre bis kurz vor seinem Tod 1988, sind im neuen Domizil des Hauses im Löwenbräukunst-Areal zu sehen.
Die Ausstellung, kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher in enger Kooperation mit der Richard Paul Lohse-Stiftung und dem MASI Lugano, erzählt eine Entwicklungsgeschichte mit innerer Logik: Lohse beginnt mit geometrischen Figuren, die noch frei im Bildraum schweben, und arbeitet sich systematisch zur strengen horizontalen und vertikalen Gliederung in Farbfeldern vor. Die Konstruktionszeichnungen und Entwürfe, die in der Ausstellung neben den Gemälden gezeigt werden, sind keine blossen Vorarbeiten – sie sind konstitutiver Bestandteil des Werks. Raster und Farbreihen werden nicht aus einem ästhetischen Impuls gesetzt, sondern aus einem mathematisch-ethischen: Kein Feld soll wichtiger sein als das andere, keine Farbe dominieren.
Was die Schau besonders stark macht, ist ihre Aktualität. Vor dem Hintergrund algorithmischer Bildgenerierung wirken Lohses serielle Systeme geradezu prophetisch: Regelbasierte Strukturen als Ausdruck gesellschaftlicher Utopie, nicht technischer Effizienz. Die drei Grossformate, die er für die documenta 7 malte, stehen für sich – leuchtend, still und von einer Überzeugungskraft, die keine Geste braucht.
Ort: Museum Haus Konstruktiv, Limmatstrasse 268, Zürich, CH
Laufzeit: bis 10.5.2026
Link: hauskonstruktiv.ch
// report: pedro
tags: Konkrete Kunst, Malerei,
Konstruktivismus, Zürcher Konkrete,
Systematische Kunst
image rights: Richard Paul Lohse-Stiftung /
ProLitteris

More than Human – Design mit der Natur
Was passiert, wenn Design aufhört, primär für den Menschen zu denken? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt der Wanderausstellung More than Human – Design mit der Natur, die das Design Museum London produziert hat und die nun im denkmalgeschützten Stammhaus des Museums für Gestaltung an der Ausstellungsstrasse gastiert. Kuratiert von Justin McGuirk und Rebecca Lewin in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Hausverantwortlichen Damian Fopp, versammelt die Schau rund dreissig Positionen aus Design, Kunst und Architektur.
Der Parcours gliedert sich in drei Kapitel: Being Landscape, Making with the World und Shifting Perspective. Diese Gliederung ist konsequent durchgehalten und gibt der Ausstellung eine inhaltliche Klarheit, die dichten Themen wie Klimakrise und Artensterben gut bekommt. Zu sehen sind Beiträge von Formafantasma, Superflux, Dunne & Raby und Alexandra Daisy Ginsberg neben wissenschaftlichen Kooperationen, etwa mit der Entomologischen Sammlung der ETH Zürich. Die Arbeiten bewegen sich zwischen spekulativer Praxis und konkreter Forschung: regenerative Materialien, ökologische Infrastrukturkonzepte, Entwürfe, die das Verhalten von Pilzen, Insekten oder Meeresströmungen in den Gestaltungsprozess einbeziehen.
Der ruhige, sachliche Rahmen der Ausstellungsstrasse – ein Bau der Schweizer Architekturmoderne – tut den oft sperrigen Thesen gut. Man kann sich in Einzelpositionen vertiefen, ohne von einem aufdringlichen Gesamtgestus überwältigt zu werden. Manches bleibt programmatisch, Einiges ist von echter formaler Schärfe. Als erste Präsentation dieser Schau in der Schweiz setzt More than Human einen wichtigen Akzent: Design nicht als Problemlösung für den Menschen, sondern als Mitgestaltung eines geteilten Planeten.
Ort: Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse, CH
Laufzeit: bis 31.5.2026
Link: museum-gestaltung.ch
// report: chris
tags: Design, Ökologie, Architektur,
Klimadesign, Spekulatives Design,
Naturwissenschaft
image rights: 2026 artalpsreview.at

Breath with Pilatus - Luzern
Während sich alpine Destinationen zunehmend um Wellness-Angebote und Achtsamkeitsprogramme bemühen, wagt die Pilatus-Bahnen AG mit "Breathe with Pilatus" einen ungewöhnlichen Schritt: Eine zeitgenössische Kunstinstallation auf 2132 Metern Höhe, die nicht illustriert, sondern eigenständig agiert.
Die multisensorische Arbeit der in New York lebenden Schweizer Experience-Designerin Annabelle Schneider zeigt, dass die Verbindung von Kunst, Tourismus und Bergwelt durchaus produktiv sein kann – wenn sie intelligent konzipiert ist.
Schneider, 1986 geboren und Dozentin an der renommierten Parsons School of Design, entwickelt seit Jahren immersive Installationen, die physische und virtuelle Räume verschränken. Ihre Arbeiten – darunter "Breathe with Me" für die NYCxDesign Week 2024 oder "Being in Bed" während der Art Basel Miami – zielen auf psychisches Wohlbefinden und sensorische Präsenz in einer zunehmend digitalisierten Welt. Mit "Breathe with Pilatus" überträgt sie diesen Ansatz erstmals in den alpinen Kontext.
Im Herzen des Dragon Forums auf Pilatus Kulm entfaltet sich eine begehbare, sanft atmende Stoffwolke – ein organisches Gebilde aus Licht, Klang und Duft. Die visuellen Projektionen zeigen Natur in Makro-Perspektive: tropfendes Wasser, Moosstrukturen, Arvenholz, Schnee. Das Grammy-prämierte Luzerner Kollektiv LAF komponierte eine Klanglandschaft zwischen alpiner Tradition und zeitgenössischer Elektronik, während das Schweizer Dufthaus LUZI mit Arve, Moos und kühler Bergluft die olfaktorische Dimension beisteuert. Besucher*innen werden eingeladen, sich barfuß in die textile Wolke zu begeben, sich hinzulegen, zu atmen – die Installation zu erfahren.
Kritisch hinterfragt werden muss allerdings, ob diese inszenierte Naturerfahrung nicht in Konkurrenz zur tatsächlichen alpinen Umgebung tritt. Die Installation wirkt als meditativer Rückzugsort dort am stärksten, wo draußen Nebel und Kälte die Bewegungsfreiheit einschränken. Im Kontrast zur unmittelbaren Berglandschaft bleibt sie notwendigerweise eine Annäherung – wenngleich eine durchdachte und sinnlich überzeugende.
Das Projekt verdient Anerkennung für den Mut, zeitgenössische Kunst im touristischen Kontext nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als eigenständige Position zu etablieren. Schneiders Installation ist kostenlos für alle Bahnticketinhaber zugänglich und wird von einem Begleitprogramm mit Breathwork-Workshops, Konzerten und astronomischen Führungen flankiert – ein spannndes Beispiel für die gelungene Verbindung von Technolostruktur und künstlerischer Vision im Alpenraum
Ort: Pilatus Kulm, Dragon Forum, Schweiz
Laufzeit: 16. Januar bis 26. April 2026
Link: Pilatus
Map: artplaces
// report: chris
tags: Installation, Annabelle Schneider,
Multisensorisch, Wellbeing, Entschleunigung,
Alpen, Immersive Kunst,
image rights: Beat Bechbuehl Pilatus-Bahnen AG

Maschek - Synchroner Wahnsinn am Spielboden
Der traditionelle Jahresrückblick von "maschek, das war 2025" ist aus der Dornbirner Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Am Freitag, den 9. Jänner gastierte das Duo im restlos ausverkauften Spielboden und bewies einmal mehr, dass die politische Realität erst durch ihre Neusynchronisation die nötige Schärfe erhält.
Was maschek seit Jahren perfektioniert haben, ist eine Kunstform eigener Prägung: die satirische Neusynchronisation politischer Fernsehbilder. Während die originalen Aufnahmen über die Leinwand flimmern, legen Peter Hörmanseder und Robert Stachel den Protagonist:innen Worte in den Mund, die das Unausgesprochene, das Peinliche und das Absurde der politischen Realität ans Licht bringen. Der Abend im Spielboden zeigte das gesamte Spektrum dieser Kunst – von internationalen Krisen bis zu österreichischen Politskandalen, von EU-Gipfeln bis zu provinziellen Landtagsdebatten.
Peter Hörmanseder und Robert Stachel zogen alle Register ihres Könnens. Das Publikum in Dornbirn verfolgte staunend die Stimmvirtuosität und die absurden Einfälle, mit denen die beiden den Akteur:innen des vergangenen Jahres 2025 neue, oft entlarvende Worte in den Mund legten. Besonders bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, innerhalb von Sekunden zwischen völlig unterschiedlichen Charakteren zu wechseln. Ein hochnäsiger Diplomat wird abgelöst von einem hemdsärmeligen Populisten, eine steife Nachrichtensprecherin von einem nervösen Pressesprecher. Jede Stimme sitzt, jeder Akzent ist auf den Punkt.
Was maschek von reiner Nachäfferei unterscheidet, ist ihr analytischer Blick. Sie destillieren aus dem politischen Geschehen eines ganzen Jahres die zentralen Muster, Widersprüche und Absurditäten. Ihre Texte sind keine willkürlichen Witze, sondern präzise Kommentare zur Verfasstheit unserer politischen Kultur.
Es war ein Abend voller Pointen, der die Grenze zwischen Original und Parodie meisterhaft verwischte. Manchmal ertappte man sich dabei zu zweifeln: Hatte diese Person das wirklich so gesagt? Oder war das schon maschek?
Als Krönung eines gelungenen Abends servierten maschek eine Zugabe, die bereits den Blick nach vorne richtete. Mit der Versicherung, der Jahresrückblick für das gerade begonnene Jahr 2026 sei im Grunde schon fertig konzipiert, sorgten sie für Heiterkeit im Saal. Man warte lediglich noch ab, um auch die allerletzten politischen Verwerfungen und Entwicklungen tagesaktuell einbauen zu können.
Ort: Spielboden Dornbirn, Vorarlberg
Laufzeit: Einmaliges Gastspiel (9. Januar 2026)
Link: Spielboden Dornbirn
// report: ceha
tags: Kabarett, Satire, Vorarlberg,
Dornbirn, Jahresrückblick, maschek
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Nick Hornbys Ehedrama am Theater Kosmos Bregenz
"Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Eine Ehe in zehn Sitzungen" von Nick Hornby
Das Theater Kosmos in Bregenz erfüllt als Kleinbühne eine unverzichtbare Funktion für die Landeshauptstadt. Gerade für eine Stadt, die zwar mit den Festspielen internationales Renommee genießt, im Rest des Jahres aber theatral sparsam versorgt ist, bietet das Kosmos jenen experimentellen und intimen Produktionen Raum, die anderswo untergehen würden.
Nick Hornbys "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" fordert dieses Setting geradezu: Zehn Paartherapiesitzungen, ein Paar am Scheideweg, eine unsichtbare Therapeutin – mehr braucht es nicht für neunzig Minuten Beziehungsanalyse mit britischem Humor. Der Autor, bekannt für "About a Boy" und "High Fidelity", wagt sich hier auf psychologisch anspruchsvolleres Terrain.
Die Bregenzer Inszenierung überzeugt durch ihre Konsequenz. Die Regie vertraut dem Text und seinem Rhythmus, das minimalistische Bühnenbild fokussiert auf das Wesentliche: die Kommunikation zweier Menschen, die sich gleichzeitig zu nah und zu fern sind.
Wo die Inszenierung allerdings an ihre Grenzen stößt, ist die Glaubwürdigkeit der zentralen Beziehung. Das Darstellerpaar agiert solide, doch die Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte bleiben abstrakt. Es fehlt jene unausgesprochene Vertrautheit, die sich in Gesten, Blicken und dem Timing der Repliken manifestiert. Man nimmt ihnen nicht ganz ab, dass dieses Paar tatsächlich eine lange Ehe durchlebt hat. Die emotionalen Ausbrüche wirken zuweilen einstudiert, wo sie aus jahrelanger Enttäuschung kommen müssten.
Das ist bedauerlich, denn Hornbys Text lebt von den Schichten, die sich in Beziehungen ablagern. Wenn diese historische Dimension nicht spürbar wird, bleibt die Paartherapie ein interessantes Konstrukt, ohne zur existenziellen Erfahrung zu werden.
Dennoch: Die Produktion zeigt, was zeitgenössisches Theater auf kleiner Bühne leisten kann. Das Theater Kosmos beweist, dass Größe nicht mit der Zahl der Sitzplätze zu tun hat, sondern mit der Bereitschaft, sich auf schwierige Stoffe einzulassen.
Nick Hornby schreibt keine großen Katharsen, sondern kleine Wahrheiten. Die Bregenzer Inszenierung erzählt sie mit Respekt und Sorgfalt – auch wenn nicht alle Wahrheiten gleich tief dringen.
Spielort: Theater Kosmos, Bregenz
Datum: Januar 2026
link:Weitere Informationen und Spieltermine unter www.theaterkosmos.at
// report: ceha
tags: Theate, Bregenz, NickHornby
Schauspiel, ZeitgenössischesTheater
Kleinbühne
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