art KARLSRUHE 2026
Vom 5. bis 8. Februar 2026 öffnete die art KARLSRUHE zum 23. Mal ihre Tore und präsentierte sich erneut als internationale Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst. In den Hallen der Messe Karlsruhe, im kunstaffinen Dreiländereck Deutschland–Schweiz–Frankreich, trafen rund 180 Galerien aus 18 Ländern auf etwa 50.000 Besucherinnen und Besucher — eine Größenordnung, die die Messe seit Jahren erreicht und die ihr auch in einem anspruchsvolleren Marktumfeld Stabilität verleiht.
Andernorts hingegen fielen 2026 wichtige Messeformate weg: In Wien pausierte etwa die SPARK Art Fair Vienna, die sich in den vergangenen Jahren als fokussiertes Format für Einzelpräsentationen zeitgenössischer Kunst etabliert hatte.
Die art Kalrsruhe zeigte sich hingegen auch heuer mit einer vertrauten, aber keineswegs müden Choreografie. Vier Hallen, über 120 Jahre Kunstgeschichte, eine Hängung, die Ernst Ludwig Kirchner neben Mary-Audrey Ramirez stellt, Joan Miró neben interaktiven KI-Installationen. Dieses dialogische Prinzip ist das eigentliche Markenzeichen der art KARLSRUHE — es zwingt nichts auf, sondern lässt entdecken. Wer sich Zeit nimmt, findet in dieser scheinbar gemächlichen Gegenüberstellung von Epochen und Haltungen immer wieder überraschende Reibungspunkte.
Auffällig 2026: die wachsende Internationalität. Rund 30 % der ausstellenden Galerien reisten aus dem Ausland an — darunter achtzehn Neuzugänge, die das Feld merklich erweiterten. Erstmals auf einer deutschen Kunstmesse vertreten war die Maryam Fasihi Harandi Gallery aus Teheran, die ausschließlich iranische Künstlerinnen zeigt und damit ein programmatisches Statement setzte, das weit über das bloße Marktinteresse hinausweist. Aus Boston debütierte die Chase Young Gallery mit Malerei zwischen Abstraktion und Figuration. Aus Barcelona kamen Chillida und Tàpies über die traditionsreiche Galería Marc Calzada, aus Bordeaux Bernard Buffet und Jean Miotte über die JAF Gallery. Diese Ausweitung des Feldes gibt der Messe eine geopolitische Tiefe, die man von ihr nicht immer erwartet — und die zeigt, dass Karlsruhe als Standort über die deutsch-schweizerisch-französische Nachbarschaft hinaus wahrgenommen wird.
Skulptur blieb das Leitmedium. Bereits der Eintritt in die Hallen machte deutlich, dass dreidimensionale Arbeit hier keinen Sonderstatus beansprucht, sondern selbstverständlich im Raum steht — auf Skulpturenplätzen ebenso wie in den Messeumläufen. Die monumentale Installation „Shakles" von Elisa Manig, präsentiert von Jarmuschek + Partner (Berlin), setzte in Halle 2 einen physisch spürbaren Ton: zwei rund fünf Meter lange Stränge aus gebogenen schwarzen Stahlelementen mit brünierter Oberfläche, auf Schwerlastgurte aufgefädelt, parallel von der Decke hängend, endend über einem Hügel aus Kies und Geröll.
Das Gewicht des Materials, seine industrielle Präzision und die assoziative Offenheit des Titels — „Schäkel" als maritimes Verbindungselement, aber auch als Anklang an Fesselung — machten die Arbeit zu einem der meistdiskutierten Werke der Messe. Der mit 20.000 Euro dotierte Loth Skulpturenpreis der L-Bank unterstrich diesen Anspruch der Messe, der dreidimensionalen Kunst nicht nur Raum, sondern auch Öffentlichkeit zu geben.
Besonders bemerkenswert in diesem Jahr: die Formate re:discover und re:frame, die nun in die dritte Runde gehen und unterbrochene Künstlerbiografien sowie Nachlässe neu sichtbar machen. Vera Mercer, Kevin Clarke, Detel Aurand, Oliver Braig — Namen, die zu Unrecht in den Hintergrund geraten sind und hier mit ernsthafter kuratorischer Absicht zurückgeholt werden. Das vom Bund geförderte Programm zeigt, dass eine Kunstmesse mehr sein kann als ein Verkaufsformat: Hier agiert sie als aktives Gedächtnis des Marktes, als kuratorisches Korrektiv gegen das Vergessen. Der academy:square wiederum gab Nachwuchsgalerien eine eigene, klar abgegrenzte Plattform — und gestaltete den Einstieg ins Sammeln niedrigschwellig, ohne dabei belehrend zu wirken.
Die Sonderausstellungen ergänzten das Bild mit unterschiedlichem Gewicht. Die LBBW präsentierte unter dem Titel „Digital Traces" Positionen zur digitalen Gegenwart — von Isa Genzken bis zur jungen Avery Gia Sophie Schramm — und spannte damit einen Bogen, der die institutionelle Sammlungsarbeit mit aktuellen Markttendenzen verknüpfte. Das Kunstmuseum Karlsruhe würdigte den international renommierten Karlsruher Maler Rolf Behm mit einer von Direktorin Stefanie Patruno eigens kuratierten Schau — eine Geste der lokalen Verankerung, die der Messe gut steht. Die Pop-Art-Präsentation der Sammlung Kohlrusch erinnerte mit einer gewissen Leichtigkeit daran, wie sehr Ironie, Serienlogik und die Aneignung des Kommerziellen das Sehen der Moderne verändert haben — und wie frisch diese Haltung noch immer wirken kann.
Weniger überzeugend wirkte das Rahmenprogramm an einigen Stellen. Talks wie jener zum Thema „Durch Kunstsammeln reich und glücklich werden" bedienten ein Publikum, das die Messe primär als Investitionsgelegenheit begreift — und das steht in einem gewissen Widerspruch zu den ernsthaft kuratierten Sonderschauen und dem Förderanspruch von re:discover. Eine Kunstmesse darf kommerziell sein, muss es sogar. Aber der Tonfall mancher Panels kippte ins Selbstbedienungsrhetorische und ließ jene Gesprächstiefe vermissen, die andere Bühnenmomente — etwa der Austausch mit Christiane Lange von der Staatsgalerie Stuttgart über institutionelles Sammeln heute — durchaus erreichten. Hier wäre eine schärfere redaktionelle Linie wünschenswert.
Für den alpennahen Raum besonders relevant: Mario Mauroner aus Salzburg war erstmals mit einer eigenen Galerieposition vertreten — ein Zeichen dafür, dass österreichische Galerien die art KARLSRUHE zunehmend als ernsthaften Marktplatz begreifen. Die wachsende Präsenz von Galerien aus dem österreichisch-schweizerisch-bayerischen Raum zeigt insgesamt, dass der alpennahe Kunstmarkt reifer und selbstbewusster wird — und dass Karlsruhe als Messeplatz geografisch und inhaltlich genau in diesem Gravitationsfeld liegt.
Fazit: Die art KARLSRUHE bleibt eine der verlässlichsten Orientierungsplattformen für Gegenwartskunst und Klassische Moderne im mitteleuropäischen Raum. Wer das Programm mit Bedacht navigiert — und sich von den marktgefälligeren Randbereichen nicht ablenken lässt —, findet hier ein Forum, das Tiefe und Zugänglichkeit ungewöhnlich gut in Balance hält.
