Rote Wand Dialoge 2026 — Ein Labor für das, was möglich ist


Rote Wand Stuben und Alte Säge Zug, 27.–28. August 2026

Zwei Tage lang lässt sich bei den Rote Wand Dialogen nie ganz trennen, was gerade zählt: das Gespräch, das Essen, der Ort, das Hotel selbst. Genau das macht den Reiz aus. Genuss und Denkarbeit schließen sich hier nicht aus, sie fördern sich gegenseitig.

Die Dialoge mit dem Titel "What's possible?" finden im Arlberger Zugertal statt – und das Tal ist weit mehr als Kulisse. Klare Bergluft, Ruhe, das Rauschen von Wasser: All das verändert die Wahrnehmung und gibt den Gesprächen mehr Raum und Tiefe. Zwei Tage lang greifen Begegnungen, Landschaft und Küche ganz selbstverständlich ineinander. Am Ende fährt man weniger mit einem fertigen Fazit nach Hause als mit neuen Gedanken, unerwarteten Eindrücken und einem anderen Blick auf die Dinge.

Den Anfang macht Joschi Walch. Seit Jahren entwickelt er das Rote Wand Gourmet Hotel gemeinsam mit seiner Familie und prägt mit dieser Handschrift das ganze Zugertal. Seine Eröffnungsworte sind selten leise, aber nie ohne Gespür. Walch führt in die Dialoge ein und übergibt dann die Bühne an Kurator Nicolaus Schafhausen.

Der 1965 in Düsseldorf geborene Kunsthistoriker hat einiges vorzuweisen: Er leitete den Frankfurter Kunstverein, das Witte de With in Rotterdam und bis 2019 die Kunsthalle Wien. Er kuratierte den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig und gründete mit der Galerie KIN in Brüssel jenen Ort, an dem an diesem Nachmittag auch Co-Moderatorin Micaela Dixon arbeitet. Heute lebt Schafhausen selbst in Brüssel und ist strategischer Direktor von Fogo Island Arts vor der kanadischen Ostküste – jener Institution, von der auch Dixon einst kam.

 

Day 1: Im Haus, weil das Wetter es so will

Der erste Gesprächstag findet, wetterbedingt, im Hotel statt, in den Rote Wand Stuben. Der Rahmen ist enger, konzentrierter, fast etwas klösterlich – das passt zum Ton des Auftakts.

Kersten Geers ist Architekt, Mitgründer des Brüsseler Büros OFFICE Kersten Geers David Van Severen und Professor an der Accademia di Architettura in Mendrisio. Kaum angekommen über Flugzeug, Zug und Geländewagen, nimmt er den Alpen sogleich die touristische Unschuld: Für echte Wildnis sei hier längst zu viel gebaut, erschlossen und vermessen. Straßen, Seilbahnen, Pisten und Leitungen durchziehen die Landschaft, ihre Infrastruktur liegt unsichtbar im Untergrund.

Am Anfang steht Skepsis. Man sitzt im Raum und fragt sich, wohin dieser Diskurs mit dem Subtext "What's doable?" oder "Was geht?" führen soll. Doch nach und nach zeigt sich, mit welcher Sorgfalt Schafhausen sein Feld an Personen zusammengestellt hat. Er und seine Co-Moderatorin Micaela Dixon führen sie in wechselnden Paaren zu Gesprächen, die weit über den Anlass hinausschwingen.

An der Architektur lässt sich der Grundkonflikt besonders gut beobachten. Geers kritisiert den demonstrativen alpinen Stil, der Scheune und Stadel als beruhigende Bilder wiederholt – selbst wenn sie längst keine funktionale Notwendigkeit mehr besitzen.

Bettina Kraus widerspricht. Sie ist Architektin und Professorin für Entwerfen an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart; ihr Berliner Büro B KRAUS Z beschäftigt sich intensiv mit dem Bauen im Bestand. In historischen Bauformen, sagt sie, stecke ein über Generationen gewonnenes Wissen über Schnee, Wind, Hanglage und knappe Ressourcen. Das sei keineswegs mit bloßem Stil zu verwechseln.

Aus der Stilfrage wird so eine politische Frage. Lech, warnt der Autor und Kurator Georg Diez, sei nicht die Wahrheit Vorarlbergs, sondern auch eine Projektionsfläche internationaler Erwartungen.

Sabih Ahmed verschiebt den Gedanken noch weiter. Der in Dubai arbeitende Kurator ist Projects Advisor der Ishara Art Foundation und Co-Artistic Director der Diriyah Contemporary Art Biennale 2026. In den Bergen, so seine Replik, sei der Boden keine neutrale Fläche – wer hier arbeite, müsse mit unterschiedlichsten Kräften umgehen. Außerhalb des Arlbergs sei das nicht anders: Andere Kräfte formen dort Institutionen wie Museen, Schulen und Medien, oft unbemerkt, bis ihre vertrauten Abläufe nicht mehr tragen.

Diez knüpft daran an. Der ehemalige Editor-in-Chief von THE NEW INSTITUTE und Initiator der School of Survival arbeitet zwischen Kultur, Politik und Zukunftsforschung. Am Beispiel dieses gemeinsam mit Schafhausen entwickelten Formats beschreibt er, wie Institutionen zu Ruinen ihrer eigenen Versprechen werden können.

 

"...wie Institutionen zu Ruinen ihrer eigenen Versprechen werden."

 

Joschi Walch, der seine Zukunftskonzepte für die Rote Wand seit Jahren zwischen Handwerk und Weltoffenheit auslotet, lauscht aufmerksam. Was er aus diesem Bild der Institution als Ruine für die eigenen Pläne mitnimmt, bleibt an diesem Nachmittag sein Geheimnis – doch der Gedanke scheint nachzuwirken.

Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Vanessa Joan Müller beharrt auf Mikroschritten. Sie übernimmt zum 1. September 2026 die Sammlungsleitung am mumok Wien, nach Jahren an der Spitze der Dramaturgie-Abteilung der Kunsthalle Wien. Institutionelle Kritik, die nur unter den ohnehin Überzeugten zirkuliere, bestätige am Ende bloß deren eigenes Milieu.

Der britische, in New York lebende Künstler Liam Gillick bringt eine skeptische Note ein. Er zählt zu den prägenden Figuren der Relational Aesthetics der neunziger Jahre. Zeitgenössische öffentliche Kunstaufträge, sagt er, verlangten oft, ein Werk solle gleichzeitig erinnern, versöhnen, ökologisch sensibilisieren und soziale Gerechtigkeit herstellen. Unter dieser Last werde Kunst zum freundlichen Dienstleistungsobjekt.

 

"... öffentliche Kunstaufträge werden unter der Last der Anforderungen zum freundlichen Dienstleistungsobjekt."

 

Im Kontrast dazu wird in diesem Augenblick spürbar, wie künstlerisch frei die Artist-in-Residence-Projekte des Rote Wand Gourmet Hotels sind.

Die Architektin und Autorin Jelena Pančevac erinnert in diesem Zusammenhang an die jugoslawischen Spomeniks. Die gebürtige Belgraderin lebt heute in Paris und ist unter anderem mit Kersten Geers Herausgeberin von Büchern zu Robert Venturi und Aldo Rossi. Die Spomeniks, jene abstrakten antifaschistischen Monumente, verzichteten bewusst auf einzelne nationale Heldenfiguren. Ist das eine Position, die dem von Liam Gillick aufgezeigten Problem Paroli bieten kann?

Gegen Abend wird der Maßstab kleiner. Der niederländische Designer Chris Kabel lebt in Rotterdam und lehrt an der ECAL in Lausanne. Er erzählt von Fundstücken einer Küste, die er für ein Hotel in Bronze übersetzte, und von einer kreisförmigen Bank aus einem einzigen, zehn Meter langen Holzbalken. Solche Arbeiten beginnen für ihn nicht mit einer Botschaft, sondern mit dem Verhalten des Materials selbst.

Tulga Beyerle überträgt diese Verantwortung hingegen auf die eigene Institution. Die Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg meint: Ein Museum könne sich nicht auf seine Innenräume beschränken, wenn das unmittelbare Umfeld von sozialen Konflikten geprägt sei. Es komme heute nicht nur auf den Outtake eines Museums an, sondern auch auf den Intake. Sie bietet daher freie Flächen für lokale Initiativen an, um als Museum partizipativer und offener zu werden.

Gastgeber Joschi Walch formuliert gegen Ende sein Credo, das überraschend gut in die Debatte passt: Einen Raum müsse man zunächst selbst lieben, bevor man ihn anderen öffne.

 

"... man muss den Raum lieben, bevor man ihn anderen öffnet."

 

Die Impulse liefern reichlich Stoff für den weiteren Austausch des Abends – der dann kulinarisch auf Extraklasse-Niveau weitergeht. Küchenchef Jamie Unshelm und sein Friends & Fools-Team servieren ein Menü, das die Materialgespräche des Nachmittags gleichsam weiterdenkt: Wachtel und Amaranth, Wurst mit Waller und Sweet Chili, Gams und Kirsche.

 

Day 2: Draußen, bei der Alten Säge

Am zweiten Tag verlässt das Gespräch das Haus. Die Gruppe geht zusammen entlang des Lechs hinüber zur Alten Säge Zug, dem zweiten Schauplatz der Dialoge. Neben der Säge rauscht der Bach, bemerkenswert wasserreich trotz des trockenen Sommers, während einige der Artists in Residence zeigen, woran sie aktuell arbeiten. Christoph Matt, Sam Rees und Miglė Palkevičiūtė, ein Ensemble an der Schnittstelle von Klang- und Naturkunst, widmen sich dabei der Dokumentation des unmittelbaren Ökosystems rund um die Säge: Aus der Beschäftigung mit Fauna und Flora entstehen dann Tischobjekte, Wandinstallationen und auch eine Performance, die die Geräusche kleinster Lebewesen im Moos und am Bach in eine intensive, fast andächtige Klangwelt übersetzt, eine akustische Übersetzung dessen, worüber drinnen zuvor abstrakt gesprochen wurde.

 

"...I have identfied about 240 species around the Alte Säge Zug."

 

Die aus dem Kaukasus kommende Künstlerin Taus Makhacheva, die in Moskau aufwuchs und heute in Dubai lebt, trägt mit ihren Erzählungen eine andere Qualität in die Runde. Ihre Arbeiten gehen grundsätzlich von einer gehörten Geschichte oder einer geteilten Erfahrung aus, die sich dann zu größeren Bögen über kulturelles Gedächtnis, Herkunft und Zugehörigkeit im postsowjetischen Raum ausweitet. 

Zuletzt war sie mit der Arbeit And What Did You Say? im UAE-Pavillon der Biennale von Venedig vertreten, einer Auseinandersetzung mit Klatsch und Weitererzählen, für die sie bewusst rund hundertzwanzig Personen im Abspann nennt, alle, mit denen sie im Entstehungsprozess gesprochen hat, eine Geste gegen die Vorstellung vom einsamen künstlerischen Genie. In einer weiteren, jüngeren Arbeit nähert sie sich der Erinnerung an ihren Großvater, einen bekannten sowjetischen Dichter, und der Frage, wie ein Andenken durch Straßennamen, Museen und offizielle Erzählungen zugleich bewahrt und einem Menschen entzogen werden kann. An der Säge wird aus dieser Praxis ein mündliches Erzählen, das die Grenze zwischen Anekdote und Kunstwerk bewusst offenlässt.

Auf die Frage von Nicolaus Schafhausen, wer das Recht habe, mit der Erinnerung einer Landschaft zu arbeiten, weicht Taus Makhacheva im Gespräch mit Jelena Pančevac der Prämisse aus: Landschaft besitze kein eigenes Gedächtnis, das wäre bereits Projektion. Sie trage jedoch Spuren, und deren Lektüre stehe grundsätzlich jedem offen. Was eine Künstlerin hinzufügen könne, sei oft bewusst vergänglich, etwa kleine Leitern aus krumm gewachsenen Bäumen in einem polnischen Wald mit belasteter Geschichte. Was sie mitnehme, seien eher Ideen und ein veränderter Blick als physisches Material. Aus einem Gespräch mit Joschi Walch über eine alte Flurgrenz-Tradition seiner Familie entwickelt Makhacheva den Gedanken zu einem eigenen Lineal aus unterschiedlichsten, aus verschiedenen Kulturen stammenden Maßeinheiten weiter, ein Werk, das sie für die Rote Wand zu entwickeln beginnt.

 

"... eine Landschaft besitzt kein eigenes Gedächtnis."

 

Georg Diez und Vanessa Joan Müller verhandeln ihre seit 2019 mit Nicolaus Schafhausen laufende Zusammenarbeit an der School of Survival. Diez plädiert dafür, Berufe wie Journalismus oder Kuratieren in einzelne Fähigkeiten zu zerlegen und verlorenes Alltagswissen, und persönliches Erzählen, zur Grundlage künftiger Institutionen zu machen. Müller widerspricht dem Begriff „Survival" selbst: Er impliziere eine bedrohliche Gegenwart und wirke dadurch eher lähmend. Sie hält stattdessen an der Idee des Horizonts fest, dem Nochnicht, das dem Zukunftsdenken erst Richtung gebe, räumt aber ein, dass echte Transformation heute oft durch bloße Innovation ersetzt werde. Am Ende einigen sich beide auf einen gemeinsamen Kern: Die eigentliche Aufgabe bestehe darin, aus dem Kreis der ohnehin Überzeugten herauszutreten.

Gegen Ende der Dialoge wird selbst die leitende Metapher unsicher. Der Horizont, bemerkt Sabih Ahmed, ist keineswegs überall verfügbar. Im dichten Wald, zwischen Bergen oder mitten in einem Fußballspiel orientiert man sich nicht an einer fernen Linie, sondern handelt in der Nähe, zwischen Hindernissen. Kathleen Weyts, Chefredakteurin des Brüsseler Kunstmagazins GLEAN und zugleich Artist in Residence an der Säge, erzählt, sie habe in Zug angefangen, anders zu gehen, ohne festes Ziel, ohne die Ankunftszeit ständig zu kontrollieren. Ihre Schlussfolgerung bleibt bewusst unspektakulär: Man könne einen Baum pflanzen. Und auch das Publizieren eines Kunstmagazins sei heute, ihrer Auffassung nach, bereits ein Akt des Widerstands.

 

"Der Horizont ist keineswegs überall verfügbar."

 

Inmitten dieser vielen interessanten Bruchstücke zeitgenössischen Denkens wird dann serviert: an einem überlangen, mittig moosbedeckten Holztisch, Gang um Gang, ein mexikanisch-färöisches Menü von Starkoch Sebastian Jiménez, der sonst im Ræst in Tórshavn kocht und dort die Fermentationstradition der Färöer mit den Aromen seiner mexikanischen Heimat verbindet. Was tagsüber an geistigem Stoff verhandelt wurde, findet nun in seinen Saucen eine sinnliche Entsprechung: Chili und Koriander treffen auf die herbe, erdige Tiefe fermentierter Zutaten. Genau in dieser Reibung rundet sich der zweite Tag. Man mag sich nach dem letzten Gang kaum auf den Weg zurück zum Rote Wand Hotel machen, so gelungen war er.

Was am Ende bleibt, ist mehr als der Inhalt der einzelnen Gespräche. Es ist die Vertiefung von Richtungen, die sich über zwei Tage zwischen den Teilnehmenden einstellt, und die spürbare Gastfreundschaft von Joschi Walch und seiner Familie, die über weite Strecken selbst mitten im Geschehen sitzen.

„What's Possible?" wurde ein Stück weit sichtbarer, es bleibt aber am Ende doch vieles unbeantwortet. Für die Zeit danach und zurück im eigenen vertrauten Umfeld lockern sich aber Rollen und Gewissheiten, und was zurückbleibt, ist der Eindruck eines Labors, das keine fertigen Lösungen anbietet, sondern Aufmerksamkeit organisiert und Handlungsspielräume eröffnet.

Mit dabei bei den Rote Wand Dialogen 2026 sind:

Joschi und Natascha Walch, Valentin Walch, Nicolaus Schafhausen, Micaela Dixon, Bettina Kraus, Chris Kabel, Georg Diez, Jelena Pančevac, Kersten Geers, Liam Gillick, Sabih Ahmed, Taus Makhacheva, Tulga Beyerle, Vanessa Joan Müller und Kathleen Weyts.

Für die kulinarischen Höhepunkte sorgen Sebastián Jiménez, Küchenchef des Michelin-empfohlenen Restaurants Ræst auf den Färöern, und Jamie Unshelm, Leiter des Rote Wand Culinary Lab und Spezialist für alpine Küche und Fermentation.


Ort: Rote Wand Gourmet Hotel (Stuben & Zuger Säge), Zug bei Lech am Arlberg, AT
Termin: 27.–30. August 2026 (jährlich wiederkehrend, zweite Ausgabe 2026)
Link: www.rotewand.com
Map: artplaces 

// report: ceha and pedro 
    tags: Diskurs, Gourmet, Artist-in-Residence, Alpenraum, Institutionskritik, Sound Art
    image rights: artalpsreview & Rote Wand Gourmet Hotel

Das Rote Wand Gourmet Hotel hat diesen Aufenthalt unterstützt. 

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