Die Inseln der Kunst Naoshima & Teshima 

Schon beim Anlegen der Fähre in Naoshima spüren wir: Diese Insel hat ihr eigenes Flair. Nicht laut, nicht hektisch – sondern beschwingt und fröhlich. Und hier, weitab von den Metropolen Japans, zeigt sich eine neue Seite des Landes. Markant direkt am Hafen, fast wie ein Leuchtturm, steht, nein sitzt die „Red Pumpkin" von Yayoi Kusama, rot, rund, gepunktet – ein Pop-Symbol unter dem weiten Himmel des Seto-Binnenmeers. Stets umlagert von den BesucherInnen, die ihre Fotos machen wollen.

Zwischen E-Bikes, Meerwind und Tadao Ando

Die Mission des Art-Alps-Teams ist klar: Wir suchen Kunst, die uns herausfordert, Orte, die wir nicht vergessen, und Wege, die man nicht einfach nur geht, sondern erlebt. Naoshima liefert all das – und mehr.

Mit geborgten E-Bikes sausen wir los, die Küstenlinie entlang, die Luft salzig, die Straßen schmal, das Meer mit sauberen, völlig leeren Sandstränden immer in Reichweite. Und da, gut versteckt in den Hügeln der Insel, wie Perlen die Museen der Benesse Art Site Naoshima. Sie hat seit den 1990er-Jahren etwas geschaffen, das global seinesgleichen sucht: die Inseln, die von Abwanderung und Verödung betroffen waren, mit Kunsttourismus ins Leben zurückzubringen. Heute sind sie gleichzeitig Museum, Landschaft, Experiment und Lebensraum.

Unsere erste Station sind die unterirdischen Labyrinthe des von Tadao Ando genial platzierten und entworfenen Chichu Art Museums (2004), wo Monets Seerosen im eigens komponierten Tageslicht schweben und James Turrell einen seiner Himmelblickräume installiert hat, in dem man beschaulich sitzt und den Himmelsausschnitt genießt. Hier unten, in Andos weißem Beton, verliert man jede Vorstellung von Zeit. Und das ist gut so. Wie in allen Museen ist die Zahl der Besucher streng limitiert, und das ist für den Kunstgenuss gut so.

Die Art Houses – Naoshima als Dorfgalerie

Weiter geht's über gewundene Straßen in grüner Natur nach Honmura, wo alte Holzhäuser zu Kunstwerken umgestaltet sind. Die Art House Projects (seit 1998) verwandeln ganze Räume leerstehender Häuser in Resonanzkörper, in denen Licht, Schatten, Stille bzw. ein dominanter Farbton spannende Akzente setzen. Jede Tür ein anderes Portal in eine Welt der Kunst. Diese Art Houses zu erkunden ist ein ganz besonderes Vergnügen. Dazwischen erleben wir eine japanische Festtagsprozession, in der reichlich mit Sake angeheiterte Träger den Schrein lautstark durch die Gassen bewegen. Obenauf sitzen Kinder, die wild trommeln und singen.

Seaside Gallery – Kunst zwischen Horizont und Gezeiten

Besonders exklusiv wird es in der Seaside Gallery, einem schmalen Betonstreifen unterhalb des exklusiven Benesse House Hotels, direkt über der Wasserlinie gelegen. Der Zugang ist limitiert – und wir werden als Presse hineingelassen. Die Atmosphäre: meditativ, beinahe sakral.

Dort begegnen wir der langlaufenden Installation „Seen / Unseen Known / Unknown" von Walter De Maria (seit 2000). Dunkle, stille Formen, ein Raum, der mit dem Meer kommuniziert. Die Wellen scheinen zu antworten. Kein Foto wäre dem gerecht geworden – und genau das macht den Ort so wertvoll.

Das neue Herz der Insel: Das Naoshima New Museum of Art

Nach einem wunderbaren Macchiato in einem der Cafés auf Naoshima geht es zum New Museum of Art, das Ende Mai 2025 als Tadao Andos 10. Bauwerk auf Naoshima eröffnet wurde. Ein Tempel der Gegenwartskunst, kühl und warm zugleich, Architektur, die sich nicht aufdrängt, sondern einlädt.

Im Inneren wartet eine Entdeckung, die uns sofort packt: Ein Raum voller filigraner Seidenarchitekturen des koreanischen Künstlers Do Ho Suh. Türgriffe, Sockelleisten, ganze Räume – aus hauchdünnem Stoff, in poetisch-transparenten Farben. Gebäude als Erinnerung, als Haut, als etwas, das man nicht bewohnt, sondern spürt. Wir bewegen uns wie in einem schwebenden Traum zwischen Konstruktionen, die gleichzeitig zart und monumental sind.

Es ist einer dieser Momente, in denen Kunst nicht mehr nur Anschauung ist, sondern Erfahrung. Und wir freuen uns wie Kinder und gehen mehrmals durch die ganze Installation.

Teshima – wo Wasser, Beton und Wind tanzen lernen

Am nächsten Tag (montags sind die Museen auf Naoshima zu) fahren wir rund 40 Minuten nach Teshima. Weniger touristisch, stiller, grüner. Und doch voller Intensität. Auch hier borgen wir wieder E-Bikes.

Das Teshima Art Museum (2010), entworfen von Ryue Nishizawa, ist nichts weniger als ein Wunder: eine Betonhülle, dünn wie ein Ei, ohne Säulen, durchbrochen von zwei Öffnungen, durch die Wind und Licht strömen. Im Inneren wächst das Kunstwerk „Matrix" von Rei Naito – Wassertropfen, die sich am Boden sammeln, wandern, vereinen, zurückfließen. Man sitzt einfach da und merkt, wie man ruhiger wird. Als würde die Insel selbst atmen.

Boltanskis Herzschlag und ein Bauernhof als Udon-Heuriger

Schließlich, ganz hinten an einem stillen Strand, entdecken wir das „Archiv des Herzschlags" (Les Archives du Cœur) von Christian Boltanski. Ein Ort für Introspektion, Zärtlichkeit, Existenz. Herzschläge, gesammelt von den Besuchern aus aller Welt, leise, rhythmisch, menschlich, zu erfahren in einem stark abgedunkelten Raum. Rasch pulsierende Herzschläge folgen langsameren, manchmal arrhythmisch wirkenden Tönen. Nichts für schwache Nerven.

Und dann, wie um das Ganze abzurunden: auf dem Rückweg hoch über dem Meer eine Art japanischer Heuriger, in dem eine Bäuerin hausgemachte Udon-Nudeln in wunderbarer Suppe serviert. Ringsum ein Blumenmeer, und für uns verschmilzt Kunst, Natur und Essen zu einer wunderbaren Erfahrung.

Wir sitzen auf Holzbänken, müde und begeistert. Und wir lachen. Genau so sollten Reisen und Kunstgenuss sein.

Fazit: Naoshima & Teshima – Inseln, die den Blick erweitern

Dieser Ausflug war kein klassischer Museumsbesuch. Es war ein Abenteuer mit Fahrrädern, Wind, überraschenden Orten, Kunstwerken, die sich dem Betrachter nicht anbieten, sondern fordern. Und genau das liegt im Geist von Art Alps Review:

Wir reisen dorthin, wo Kunst wächst. Dorthin, wo sie atmet. Und dorthin, wo sie uns überrascht.

Naoshima und Teshima sind zwei dieser seltenen Orte, an denen dies erfahrbar wird. Wer dorthin will, dem empfehlen wir, sowohl das Quartier als auch die Museen unbedingt rechtzeitig vorher zu buchen.

Tags: Naoshima, Teshima, Benesse Art Site, Tadao Ando, Yayoi Kusama, Walter De Maria, James Turrell, Do Ho Suh, Ryue Nishizawa, Rei Naito, Christian Boltanski, Setouchi, Kunstinsel, Reisebericht, Japan

Weiterführende Links:

Und noch ein interesssantes Fakt:

Naoshima, Teshima und Setouchi sind aber auch interessante Beispiele für Regionalentwicklung, die nachhaltigen Struktureandel unterstützt. Mehr Infos gibt hier.

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