Die Kraft des Raums
Thomas D. Trummer über Peter Zumthors Architektur, die Zukunft des Kunsthauses Bregenz und warum Museen im digitalen Zeitalter wichtiger werden.
ArtAlpsReview: Das Kunsthaus Bregenz gilt fast 30 Jahre nach seiner Eröffnung noch immer als eines der bedeutendsten Museen für zeitgenössische Kunst. Warum ist dieser Bau bis heute so aktuell?
Thomas D. Trummer: Er ist in einem sehr guten Zustand, und er ist sehr eindrucksvoll. Wenn man den Betrieb betritt, hat man ein besonderes Erleben – man öffnet sich, und das machen die Besucherinnen und Besucher auch. Sie legen vieles ab, was sie im Alltag umtreibt, sogar die Geschwindigkeit, den Lärm. Sie werden alle leiser und langsamer. Diese Öffnung findet nicht nur bei den Besucherinnen statt, sondern auch bei den Künstlerinnen und Künstlern.
Ich erinnere mich an Theaster Gates, das war 2016. Er hatte, wie man es oft in historischen Museen macht, einen Wandtext vorbereitet – auf Papier, groß, ein fertiges Konzept, das er mitbrachte. Ich selbst mache das eigentlich nicht so gern, weil es den Raumeindruck vorformatiert. Er kam mit diesem Konzept in den leeren Raum im Erdgeschoss, nahm den Raum aber wirklich zum ersten Mal wahr, drehte sich herum – und spürte diese Wucht des leeren, lichten Raums. Und dann zerriss er seine mitgebrachten Blätter und ließ sie einfach zu Boden segeln. Das war für mich ein großartiger Moment. Ich musste nichts sagen. Er hatte verstanden – oder besser: erlebt –, dass man mit einem vorgefertigten Rezept hier nicht kommen kann. Man muss etwas erfinden.
ArtAlpsReview: Gab es Künstler, die gesagt haben: Das schaffe ich nicht, und wieder ausgestiegen sind?
Thomas D. Trummer: In meiner Zeit würde ich sagen: eineinhalb Absagen. Alle anderen haben sofort Ja gesagt.
ArtAlpsReview: Licht, Material und Stille prägen das Kunsthaus Bregenz. Wie beeinflussen diese Qualitäten deine kuratorische Arbeit und die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern?
Thomas D. Trummer: Das Gebäude wirkt fast umgekehrt oft stark auf die Künstler zurück. Das Licht ist entscheidend – es fließt auf allen Ebenen natürlich ein, ist aber gleichzeitig gedämpft, beruhigt, gleichmäßig verteilt. Dazu kommt eine Materialauthentizität, fast eine Materialwahrheit: Ich sehe Beton, ich sehe Terrazzo, ich sehe Glas – und das ist Beton, das ist Terrazzo, das ist Glas. In anderen Museen sehe ich oft eine weiße Wand, hinter der in Wirklichkeit Gipskarton vor einer ganz anderen Wand steckt. Hier gibt es nichts Verstecktes. Was ich sehe, ist das, was es ist.
Ein weiterer Aspekt ist das enorme Volumen. Es sind gar nicht so viele Quadratmeter, aber gefühlt ist es groß und großzügig – weil es keine Säulen gibt, keine eingeschobenen Wände, keine Sicht- oder Lichtsperren. Diese Großzügigkeit gibt uns als Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, uns selbst zu ordnen. Man hat nicht das Gefühl, alles anschauen zu müssen – wie bei einem Buch, das man bis zum Schluss lesen muss. Man hat vier Räume, und die kann man sich sehr gut merken. Ich glaube, das ist es, was die Menschen mitnehmen: Vielleicht erinnert man sich nicht an jedes Kunstwerk, aber an jeden Raum – an die eigene Gestimmtheit.
ArtAlpsReview: Blick auf die Zukunft. Wie wird dieser Raum in den nächsten Jahren mit der Welt interagieren?
Thomas D. Trummer: Das Kunsthaus spielt in einer Liga, um die uns die ganz Großen fast beneiden – trotz des kleinen Standorts. Es gibt aber geopolitische Verschiebungen, die auf die Künstlerinnen und Künstler zurückwirken. Als ich hierherkam, wurden viele kleine Biennalen an entlegenen Orten der Welt gegründet – geplant sogar in der Antarktis, in Feuerland, dazu Guangzhou, Kochi. Der ganze Kunstbetrieb reiste ständig in solche Winkel, um sich neue Inspiration zu holen. Bregenz, mitten in Europa, hatte da eine schwierige Position, weil die Aufmerksamkeit in die Peripherie ging.
Das hat sich verändert: Kriege unterbinden das Reisen, das ökologische Bewusstsein stellt Flugreisen zu Recht infrage, und Amerika – das hundert Jahre lang die zeitgenössische Kunstwelt dominiert hat – ist problematisch geworden, zumindest vorübergehend ausgesetzt. Auch der Mittlere Osten, der zuletzt als Geldgeber und geopolitischer Motor zwischen den Kontinenten wichtig war, ist im Moment ausgesetzt.
In dieser Phase gewinnt Europa – und Bregenz mitten in Europa – wieder an Bedeutung. Wir haben etwas, das andere Kontinente nicht haben: Institutionen, Museen, Theater, Opernhäuser, die es meist seit der Französischen Revolution öffentlich gibt und die eine sehr hohe Anerkennung in der Bevölkerung genießen. Das gibt es in Amerika nicht, im Middle East schon gar nicht – dort mag es Geld für ein großes Museum geben, aber kein gesellschaftliches Gefühl dafür, dass es wichtig ist. In Deutschland gibt es Umfragen, in denen Museen den höchsten Vertrauenswert genießen, gleich hinter Familie und Freunden. Darauf können wir bauen.
ArtAlpsReview: Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Museen rund um den Bodensee ist inzwischen etabliert. Welche Chancen siehst du darin für die Zukunft des Kulturraums Bodensee?
Thomas D. Trummer: Da ist eine tolle Nachbarschaftsgeschichte entstanden – Chur, Liechtenstein und St. Gallen, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Das geht hier in Vorarlberg, glaube ich, besser als anderswo, auch aus historischen Gründen: Es sind Nachbarländer mit derselben Sprache. Ich persönlich genieße das sehr, weil ich im Süden Österreichs aufgewachsen bin, wo eine Grenze immer nur eine Grenze war – dahinter lag Unzugänglichkeit, der Eiserne Vorhang, Angst. Hier hat man das Gefühl, dass die Grenze auch immer eine Chance ist. Mit „Cloud Castle“ haben wir zuletzt ein gemeinsames grenzüberschreitendes Projekt realisiert. Statt Ausstellungen auszutauschen, beauftragen die vier Museen gemeinsam internationale Künstlerinnen und Künstler mit neuen, ortsspezifischen Arbeiten – den Auftakt machte 2025 Wu Tsangs Musiktheaterprojekt „Carmen in den Bergen“ im Klanghaus Toggenburg.
ArtAlpsReview: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern auch die Kunstwelt. Wie viel Digitalisierung verträgt ein Museum wie das Kunsthaus Bregenz – und wo bleibt das unmittelbare Kunsterlebnis unersetzlich?
Thomas D. Trummer: Die Digitalisierung hat sehr geholfen, Wissen zugänglich zu machen – heute haben praktisch alle Museen ihre Sammlungen online. Sie hat auch zu einer weiteren Demokratisierung beigetragen: Die Besucherinnen treten heute selbstverständlich auch als Userinnen auf, machen Fotos, Selfies. Die Bildrechte, die man lange wie das eigene Nest geschützt hat, sind Geschichte.
Bei der Künstlichen Intelligenz sehe ich Parallelen zu den großen Entwicklungsschüben des 19. und 20. Jahrhunderts – zur Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder zum Film an der Wende zum 20. Jahrhundert. Beide haben die Existenz vieler Künstler infrage gestellt – der Porträtmaler etwa verlor seine Aufträge. Rückblickend haben diese Umbrüche jedoch enorme Innovationsschübe ausgelöst, auch für die traditionellen Medien. Ich glaube, dass die Abstraktion in der Malerei ohne Fotografie und Film kaum in dieser Form entstanden wäre.
Dem Museum als Raum können Digitalisierung und Künstliche Intelligenz jedoch nur wenig anhaben. Trotz Social Media bleibt das Museum ein Ort, an dem Menschen langsamer werden. Sie treten in einen Raum, erleben die Dimensionen der Architektur und der Kunstwerke und beginnen zunächst zu schauen. Natürlich werden Fotos gemacht, selten auch Selfies. Insgesamt überwiegt jedoch die unmittelbare Wirkung des Originals. Gerade im Kunsthaus Bregenz zeigt sich, dass Raum, Licht und Kunst eine Erfahrung schaffen, die sich digital nicht ersetzen lässt. Vielleicht liegt genau darin auch die bleibende Stärke des Museums: Es schafft Momente der Konzentration und der Stille – und erinnert uns daran, was Kunst unmittelbar bewirken kann.
Das Gespräch führte Peter Jakubitz für „Standpunkte" auf ArtAlpsReview.
*) Thomas D. Trummer, geboren 1967 in Bruck an der Mur, ist seit Mai 2015 Direktor des Kunsthauses Bregenz – vertraglich bis April 2030. Vor Bregenz leitete er die Kunsthalle Mainz, davor den Bereich Bildende Kunst im Siemens Arts Program, war Hall Curatorial Fellow am Aldrich Contemporary Art Museum in Connecticut und von 1996 bis 2006 erster Kurator für Gegenwartskunst an der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien, wo er das Atelier Augarten gründete. Gemeinsam mit Kasper König realisierte er 2011/12 die Ausstellung „Vor dem Gesetz" im Museum Ludwig, Köln.
