Museum Wyss in der Fondation Beyeler

Zumthor in Riehen: Das Beyeler wächst, ohne laut zu werden


Seit dem 26. September stehen neben Renzo Pianos Museum drei neue Bauten von Peter Zumthor. Die Eröffnung läuft in einer bewusst leisen Phase mit begrenzten Tickets und Öffnungstagen bis 14. Jänner 2027, danach ist das gesamte Ensemble täglich offen. Mein Eindruck: solide Arbeit, nichts Spektakuläres, und gerade das spricht für sie. Die Gebäude sind harmonisch in die Parklandschaft eingebettet. Zumthor sagt selbst, sie sollten aussehen, als wären sie schon immer da gewesen. Seine Haltung beschreibt man gern als langsam, materialbewusst und ortsgebunden. Zumthor baut hier übrigens nahe seinem Geburtsort Oberwil, Bl, der nur 5 km entfernt liegt. 

Der Weg dahin war lang. Von der Wahl seines Entwurfs 2016, einstimmig aus elf Studienaufträgen, bis zur Fertigstellung vergingen rund zehn Jahre. Die Baubewilligung kam im Juni 2021, der Spatenstich im Mai 2022, geplant waren zwei bis drei Jahre Bauzeit. Am Ende dauerte es gut vier Jahre. Die 120 Millionen Franken für Landkauf, Bau und die ersten Betriebsjahre stammen vollständig aus privaten Mitteln. Größter Geldgeber ist Hansjörg Wyss, nach dem der Neubau benannt ist, dazu kommen unter anderem die Daros Collection, die Familie Ammann und das Ehepaar Müller. Der Berner Unternehmer, der sein Vermögen mit dem Medizintechnikkonzern Synthes gemacht hat, ist Präsident der Beyeler-Stiftung und seit Langem Freund und Mäzen des Hauses. Die Stadt Basel hat dazu nichts beigesteuert. Der Neubau bedeutet auch, dass die Stiftung mehr Platz für die eigene Sammlung bekommt. Bisher stand sie unter dem Druck, publikumswirksame Ausstellungen zu zeigen, die der eigenen wunderbaren Sammlung kaum Raum ließen.

Das größte Haus, das Wyss Museum, betritt man ungewöhnlich direkt. Es gibt keinen Kassenbereich, man steht gleich in der Ausstellung. Zumthor begründet das mit seiner Vorliebe für Museen, die nur der Kunst dienen. Die Außenfassade aus Kalkstein gefällt mir sehr. Genau genommen ist es gestampfter Beton mit Jurakalk aus der Region, der dem Haus einen warmen, gelblichen Ton gibt. Derselbe Stein kehrt bei Treppen, Bänken, Terrazzoböden und Wandputz wieder. Der Y-förmige Grundriss des 1500m2 großen Gebäudes, legt sich um einen alten Ginkgo, einen Mammutbaum und mehrere Platanen. Zumthors Handschrift ist präzise, und das sieht man an vielen Details, an den Decken ebenso wie an den Fenstern. Er arbeitet mit erstklassigen Handwerkern zusammen. Die Wände sind fast vollständig von Hand gefertigt, ein Team von fünf Leuten hat sie gestampft. Ein Erlebnis sind auch die lederbezogenen Sitzbänke, die schlicht gestaltet sind und um so mehr taktile Erfahrungen bieten. Von den großen Fenstern aus sind die Blicke  nach Draussen wunderbar. Sie reichen bei klarer Sicht bis in den Schwarzwald und den Jura oder ebn in den neuen Park.

Auch der Weg durchs Haus lohnt die Aufmerksamkeit. Der Vergleich mit dem Kunsthaus Bregenz (KUB), einem frühen Werk Zumthors, liegt nahe. Das KUB, 1997 eröffnet, ist ein Glaskubus und radikaler konstruiert: hohe betongraue Flächen, lange Treppenkanäle, die bewusst steil angelegt sind, und ein Licht, das nur indirekt von oben in die Räume gelangt. Ein Blick nach draußen findet dort nicht statt. Im Wyss Museum dagegen ist alles milder und anderes gestaltet. Die Außenwände sind aus Stampfbeton mit gebrochenem Jurakalk gebaut und schimmern blass rosa-gelb. Die Räume werden von der Seite belichtet und sind durch die Y-Form des Gebäudes nicht gleich voll zu überblicken. Die breiten Fenster geben dem Blick immer wieder Gelegenheit nach Draußen in die Ferne abzuschweifen. Das wirkt weicher und selbstverständlicher.

Nicht versäumen sollte man die Terrasse im zweiten Obergeschoss. Sie gibt den Blick weit frei. Ein zusätzlicher, steiler Abgang führt von hier direkt in den Garten, und im Treppenabgang lassen kleine dreieckige Mauerdurchbrüche Licht herein, wie man es aus der arabischen Welt kennt. Der angrenzende englische Garten ist ein Refugium für sich, und er hat Kunst zu bieten.

Der Park der Fondation Beyeler wächst damit um fast 10.000 Quadratmeter und nahezu auf das Doppelte. Der bisher private Erlengarten ist wilder und verwunschener als der Rest, mit Wildblumenwiesen und waldartigen Bereichen. Eine von Zumthor entworfene Brücke über den Teich zitiert Monets Garten in Giverny. Neu zu sehen sind Arbeiten von Louise Bourgeois, deren riesige Spinne „Maman” im Park steht, sowie von Rachel Whiteread, Pierre Huyghe und Fujiko Nakaya. Im Frühjahr kommt ein Garten von Fischli/Weiss dazu.

Der neue Multifunktionsraum, der Ammann-Pavillon aus Glas, Eichen-, Kirsch- und Birnbaumholz, zeigt schon jetzt, dass hier Konzerte und Diskussionsveranstaltungen wunderbar funktionieren werden. Tagsüber ist er als Lounge bei freiem Eintritt offen, abends bietet er Platz für bis zu 250 Gäste. Musikliebhaber finden im neuen Salon über 2.000 Schallplatten, abgespielt über eine eigens entwickelte High-End-Anlage.

Das Verwaltungsgebäude, der Erlen Torhaus mit Holzskelettfassade aus lasierter Eiche, ist nicht zugänglich. Es ist im Stil bewusst abgesetzt und fügt sich doch gut ein. Es erinnert an Zumthors eigenes Atelier in Haldenstein.

 

Zum Verweilen gibt es mehrere schöne Adressen. In der Mitte des Geländes liegt das urgemütliche Gasthausrestaurant. Es ist in der spätbarocken Villa Berower untergebracht, mit regionaler Saisonküche. Neu ist die Orangerie, die an ein englisches Landhaus erinnert. Man wird dort unglaublich freundlich bedient und kann Bücher, Pflanzen, Gartenwerkzeug und Vasen erwerben. India Mahdavi hat sie gestaltet, sie verbindet ein kleines Gewächshaus mit einem Shop. 

 

Wer schon vor Ort ist, sollte auch Pianos Haus besuchen. Dort läuft „Constellations“ mit mehr als 200 Werken aus der Sammlung Beyeler und aus Privatsammlungen. Die Ausstellung zieht sich bis in den Neubau, in den Park und in die historischen Gebäude und bleibt bis 5. September 2027. 

 

Ein zweiter Tipp führt ins Museum Tinguely. „Labouring Bodies“ am Rhein. Dort wird bis 8. November noch die Arbeit von Frauen von den dreißigern bis heute thematisiert. Die Ausstellung ist sehr gut kuratiert und eine klare Empfehlung.

 

Zum Schluss ein Hinweis aufs Kino. Wim Wenders’ 3D-Dokumentarfilm „From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor“ hatte im September in Venedig Weltpremiere und startet am 26.11.2026. Das Beyeler diente seit 2021 als Drehort. Der Film zeigt den Bau in Riehen und das LACMA in Los Angeles. Dort hat Zumthor im April die David Geffen Galleries eröffnet, einen geschwungenen Glas-Beton-Bau, in dem alle Galerien auf einer Ebene liegen. Auf dem Areal stehen auch zwei Bauten von Renzo Piano. Der Vergleich liegt auf der Hand. Los Angeles setzt auf die große, durchgehende Form, Riehen auf drei kleine Häuser, die sich zurücknehmen. In beiden Städten wächst Zumthor neben Piano, in Basel zugleich leiser und vertrauter. Basel bleibt die Kunstmetropole.

 

Insgesamt ein Ausflug, der sich voll lohnt. Tickets sollte man unbedingt vorab reservieren. Die Vorfreude gilt der nächsten Ausstellung. Ab 18. Oktober zeigt das Beyeler bis 10. Jänner 2027 Ruth Asawa, die erste Retrospektive der amerikanischen Künstlerin in Europa. Danach folgen Frida Kahlo (31. Jänner bis 17. Mai 2027), Louise Bourgeois (ab 13. Juni 2027) und Elizabeth Peyton (ab 26. September 2027).

 

Ort: Fondation Beyeler, Riehen/Basel, CH
Termin: laufend, volle Öffnung ab 15.1.2027
Link: Fondation Beyeler
Map: artplaces

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